Weder Ossi noch Wessi: Am Tag der Deutschen Einheit geht es vor allem um Gemeinsamkeiten.
Foto: Christoph Soeder/dpa

PotsdamViel zu gucken gibt es eigentlich nicht: ein Glaskasten, vier Porträtfotos im Großformat, unter jedem ein Satz dazu, was Einheit bedeutet. An der einen Seite des Kastens ein wenig Grün in Europaletten, auf der anderen Tafeln, auf die Besucher mit Kreide eine Nachricht schreiben können. Oben der Claim: #wirsindeinberlin. Rechts steht noch eine Wurstbude von Curry 36, Hertha hat eine Torwand aufgebaut, links ein Kaffeestand. Currywurst, Hertha, Latte Macchiato. Das ist der Berliner Cubus auf der Einheits-Expo zum Tag der Deutschen Einheit.

Geplant war eigentlich ein großes Bürgerfest, mit Festmeile und Konzerten, dann kam Corona und Brandenburg, das Bundesland, das gerade den Vorsitz im Bundesrat hat und deshalb das Einheitsfest in diesem Jubiläumsjahr ausrichtet, stellte binnen kürzester Zeit ein neues Konzept auf die Beine: eine große Ausstellung unter freiem Himmel, jedes Bundesland ein Glascontainer: „Zusammen ist man weniger allein“, stand in der Pressemitteilung. „Wir hatten uns das Fest ganz anders vorgestellt“, sagte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) bei der Eröffnung im RBB. „Nun können die Besucher an einem Tag alle 16 Bundesländer besuchen. Angesichts der Pandemie haben wir aus der Corona-Not eine Einheits-Tugend gemacht.“

Das war Anfang September. Seitdem waren Zehntausende Menschen auf der Open-Air-Ausstellung. Und auch am Samstagmorgen, dem Tag der Deutschen Einheit, schlendern viele Besucher vom Alten Markt an der Nikolaikirche Richtung Filmmuseum, wo der Berliner Cubus steht – ältere Ehepaare, Familien mit Kindern, manche sind in größeren Gruppen gekommen, alle tragen Masken, auch wenn alles draußen stattfindet, das gehört zu den Auflagen an diesem Tag.

Vielleicht passt so ein Einheitsfest, das gar kein richtiges Fest ist, viel besser zu Deutschland als ein großes Massenevent mit Hüpfburgen, Hüftsteaks vom Grill und viel Bier. Auf so einem Spaziergang bleibt Ruhe zum Nachdenken, zum Reden, für die Erinnerung.

An den Straßenecken stehen hohe Säulen mit großen LED-Wänden an allen Seiten, auf denen die offiziellen Feierlichkeiten in der Metropolis-Halle im Filmpark Babelsberg übertragen werden. Als Steinmeier ans Podium tritt, bleiben überall Menschen stehen, hören, wie er davon spricht, was die Einheit für das Land nach 30 Jahren bedeutet. Steinmeier sagt, dass wir heute viel weiter sind, als wir denken, aber noch nicht so weit, wie wir sollten, spricht über die vielen Ostdeutschen, ihre zerstörten Biografien und betrogenen Hoffnungen.

Was aber denken die, die noch Kinder waren oder noch gar nicht geboren, als die Mauer fiel? Wir haben jüngere Besucher auf der Einheits-Expo gefragt, was die Einheit ihnen heute noch bedeutet.

Severine, 37, aus Lichtenberg:

Severine aus Lichtenberg mit ihrem Mann Thomas.
Foto: Anne Lena Mösken

„Ich wurde in Sachsen-Anhalt geboren, in Lutherstadt Wittenberg. Mein Opa war bei der Volkspolizei. Ich erinnere mich vor allem an die vielen Verbote, die es damals gab. Spielsachen aus dem Westen durfte ich nicht haben. Nur, wenn der Opa nicht da war, schaute meine Familie heimlich Westfernsehen. Viele können sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie es war, auf so viele Sachen zu verzichten. Ich hatte als Kind auch immer Angst vor der Polizei, in meiner Erinnerung gab es ständig Kontrollen. Für mich ist die deutsche Einheit vor allem ein Gefühl der Freiheit. Hingehen, wo man möchte. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Als am Anfang des Lockdowns viele plötzlich davon sprachen, dass die Maßnahmen der Bundesregierung sie an eine Diktatur erinnern, fand ich das schrecklich. Die Einschränkungen habe ich nicht als besonders groß empfunden. Aber die meisten kennen es eben nicht anders.

Wenn ein Land es schafft, sich anzunähern, schafft es auch der Rest der Welt.

Severine, 37

Mein Vater kommt aus Mosambik, er ist als Vertragsarbeiter in die DDR geholt worden, das geschah nicht freiwillig. Mit meiner Hautfarbe habe ich oft Ausgrenzung erlebt, das war nicht leicht für mich.

Der Tag der Deutschen Einheit steht für mich dafür, dass wir es in Deutschland geschafft haben, wieder zueinanderzufinden. Das sollten wir in die Welt hinaustragen, für ein globales Miteinander. Wenn ein Land es schafft, sich anzunähern, schafft es auch der Rest der Welt. Da glaube ich ganz fest dran. Gemeinsam können wir uns gegen Probleme wie Hass und Ausländerfeindlichkeit stellen, und das fängt bei jedem im Herzen an.“

Laura, 30, aus Potsdam:

Laura aus Potsdam mit ihrem Mann Martin.
Foto: Anne Lena Mösken

„Meine Mutter war hochschwanger, als die Mauer fiel. Ich bin also erst nach der Wiedervereinigung geboren, vielleicht fühle ich mich deshalb gesamtdeutsch. Ich bin mit offenen Gedanken groß geworden. Mein Vater war ein sehr freiheitsliebender Mensch, er ist nach 1990 viel gereist. Er hat mir beigebracht, wertzuschätzen, dass das möglich ist.

Reisen zu können ist nicht selbstverständlich, das habe ich von meinem Vater gelernt.

Laura, 30

Meine Eltern haben sich irgendwann getrennt. Der neue Mann meiner Mutter kam aus dem Westen. Da gab es schon Unterschiede. Meiner Mutter war es immer wichtig, mir die Natur zu zeigen – mein Stiefvater zeigte uns Kindern sein Büro. Er hatte andere Werte als meine Mutter.“

Vanessa, 18, aus Potsdam:

Vanessa aus Potsdam.
Foto: Anne Lena Mösken

„Ich frage meine Mutter oft, wie das Leben in der DDR früher war. Mich interessiert sehr, was sie alles nicht hatten, die Einschränkungen, die es gab. Aber ich kenne auch Fotos von Familienfeiern, auf denen man sieht, wie viel Spaß sie hatten. Ich mag diese alten Geschichten. Meine Mutter hat im Radio gehört, dass die Mauer offen war, sie hat sich in ihren Trabbi gesetzt und ist einfach losgefahren, immer Richtung Westen, bis sie über die Grenze war.

Ich fühle mich nicht als Ossi. Für mich ist Deutschland ein Land. 

Vanessa, 18

Ich sehe Menschen heute noch an, ob sie aus dem Westen oder aus dem Osten kommen, genau erklären kann ich das nicht. Ich selbst fühle mich nicht ostdeutsch. Ich bin 2002 geboren, vielleicht liegt es daran. Für mich ist Deutschland ein Land. Das bedeutet für mich Einheit.“