Plötzlich Putin, von Krawatte bis Scheitel etwa zwei Meter groß, gesichtet auf einem Mural in der Belgrader Innenstadt, im Hintergrund die nur in der Reihenfolge abweichenden Nationalfarben von Russland und Serbien, es ist Ende Mai, knapp dreißig Grad. Jemand hat Putin eine Ladung Rot ins Gesicht geschleudert, politisches Action Painting, und jetzt sieht es so aus, als würde Blut aus seinen Augen laufen. Daneben prangt fett ein Wort, dem der erste Buchstabe fehlt, er wurde übermalt, man kann trotzdem noch das B erkennen. Ohne B steht da nur noch RAT, was nicht Ratte, sondern Krieg auf Serbisch bedeutet. Mit B wäre Putin ein BRAT, ein Bruder. Sind Serben und Russen Brüder im Geiste? Vier Tage Belgrad, keine eindeutige Antwort, natürlich nicht, Westbalkan eben.

Wandgemälde gibt es viele in der serbischen Hauptstadt, die früher mal die Hauptstadt Jugoslawiens war und heute, nach dem Krieg, wohl unter etwas leidet, das ein Phantomschmerz sein könnte. Weil etwas nicht mehr da ist, was mal dazugehörte. Weil es gewaltsam entfernt worden ist, herausgeschnitten. Manchmal sind es nur Botschaften, die an Fassaden auftauchen, die erste bereits, wenn man vom Flughafen stadteinwärts fährt: „Kosovo ist Serbien.“ Wie die Krim und der Donbass Russland sind?

Mit Vergleichen sollte man vorsichtig sein, sonst werden Umweltaktivisten zu Nazis, und das ist nun wirklich geschichtsvergessen. Vergleiche lassen sich aber nicht verhindern, sie hinken uns ständig entgegen. Belgrad etwa liest man, sei das Berlin des Ostens, ein bisschen wie Amsterdam, ein kleines Moskau. Berlin wegen des Nachlebens, der Technoklubs. Amsterdam wegen der Street Art, der Hausboote, die in der Flussumarmung von Donau und Save treiben. Und Moskau wegen der Architektur, der kyrillischen Schrift und der gemeinsamen Verachtung für die Nato, die 1999 Belgrad bombardierte. Eine völkerrechtswidrige Friedensmission. Danach war der Kosovo weg, wurde ein unabhängiger Staat, soll zurückkehren.

In Belgrad gibt es beides: Menschen, die für Putin und seinen Krieg gegen die Ukraine auf die Straße gehen, die ein Z auf Wände malen, großrussische Allmachtsfantasien mit großserbischen Ambitionen vergleichen, den Kriegsverbrecher Mladko Radic im Stadtbild als Helden verklären, ihre Kinder auf Museumspanzer klettern lassen, um die serbische Fahne zu schwenken. Und es gibt die anderen, wie die in Serbien geborene Frau, die in der Altstadt den wahrscheinlich besten Rakija Belgrads verkauft, oder der aus Kroatien stammende Mann, der im Stadion von Partizan Belgrad als Hausmeister arbeitet, beide wollen keinen Krieg, nie wieder. Darauf einen Pflaumenschnaps, mindestens.

Als Ganzes scheint Serbien nicht zu wissen, wo es hingehört. Nach Westen, in die EU, deren Beitrittsangebot mit jedem Kriegstag vager wird, weil Serbien die Sanktionen gegen Russland nicht übernehmen will? Oder nach Osten, wo Putin mit billigem Gas lockt und China mit Geld für Großprojekte? Seit mehr als fünfzig Jahren warten die Belgrader bereits auf eine Metro. Links blinken, rechts abbiegen, dann wenden, das hat Tradition auf dem Balkan. Schon Tito saß gerne zwischen den Stühlen. Putin schaut genau hin. Selbst mit Blut in den Augen.