Für Reinigungsarbeiten: Alkoholiker sollen Gratis-Bier erhalten

Essen - Die Stadt Essen will einen höchst unorthodoxen Weg beschreiten, um das Suchtproblem in der Revierstadt in den Griff zu bekommen. Einem Amsterdamer Modellprojekt folgend, plant die Stadt, Alkoholiker für die Reinigung öffentlicher Plätze mit Alkohol zu belohnen. Die Rede ist allerdings nicht von Schnaps, Wein oder Cognac, sondern ausschließlich von Bier. Der Vorteil für das Gemeinwesen: Statt selbst zur Verschmutzung des Parks und ihres Stadtteils beizutragen, sollen Trinker das Stadtviertel sauber halten. Außer Bier sollen sie auch Tabak, eine warme Mahlzeit und ein geringes Entgelt für ihr Engagement erhalten.

Befürworter hoffen auf pädagogisch wertvolle Nebeneffekte des Suchthilfeprojekts: Die Alkoholkranken erhalten auf diese Weise einen geregelten Tagesablauf. Außerdem könnte dadurch ihr täglicher Alkoholkonsum reduziert werden, weil die Süchtigen weniger Hochprozentiges, dafür über den Tag rationiertes Gratís-Bier zu sich nähmen.

Entlohnung in Naturalien unüblich

So lobt beispielsweise der Suchtexperte der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe Ralph Seiler die Pläne der Stadt als kreative Idee. Zwar sei die Bezahlung mit Alkohol aus ethischer Sicht fragwürdig, sagte der Geschäftsbereichsleiter Soziales und Integration dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zudem sei eine Entlohnung in Naturalien unüblich. „Aber um chronisch Suchtkranke zu erreichen, gibt es keine einfachen Lösungen.“

Der Essener Sozialdezernent Peter Renzel (CDU) will Alkoholiker dazu bringen, ihre Aufenthaltsorte in der Revierstadt selbst sauber zu halten. Dafür sollen die Suchtkranken neben einem geringen Entgelt auch Bier erhalten, das sie schon während der Arbeit trinken dürfen. Die Idee stammt aus Amsterdam. Dort erhalten die Teilnehmer an den Reinigungseinsätzen pro Tag zehn Euro, mehrere Dosen Bier, eine warme Mahlzeit und Tabak.

Auch weitergehende Hilfe anbieten

In der Suchthilfe sei Abstinenz das beste Mittel, betonte Diakonie-Experte Seiler. Das würde aber nur funktionieren, wenn die Süchtigen zum Verzicht bereit und in der Lage wären. „Bis dahin braucht man jede Menge Kreativität, um chronisch Suchtkranke zu erreichen.“ Die Zielgruppe des Essener Projekts sind nach Seilers Worten langjährige Alkoholiker, die den Großteil des Tages auf der Straße verbringen und anders kaum erreicht werden können. Wichtig sei, dass ihnen auch weitergehende Hilfen angeboten würden. Für richtig hält Seiler in jedem Fall, dass sich die Stadt Essen der Trinkerszene annehme, anstatt nur mit Platzverweisen gegen sie vorzugehen. (ksta, epd)