Windhorsts Rückzug bei Hertha zeigt: Traditionsklubs sind immun gegen Investoren

Die Spionageaffäre bei Hertha war vorerst der letzte Skandal um Lars Windhorst. Warum Investoren es vermeiden sollten, in den deutschen Fußball einzusteigen.

„Schmutzkampagnen, Detektive und Millionen werden es nicht beenden. Hertha BSC bleibt fest in unseren Händen“ steht in der Ostkurve beim Heimspiel gegen Hoffenheim vergangenen Sonntag.
„Schmutzkampagnen, Detektive und Millionen werden es nicht beenden. Hertha BSC bleibt fest in unseren Händen“ steht in der Ostkurve beim Heimspiel gegen Hoffenheim vergangenen Sonntag.IMAGO/Fotostand

Wie schön war doch die fast gespenstische Ruhe, die bei Hertha BSC nach der Mitgliederversammlung Ende Juni eingekehrt ist. 100 Tage sind seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Kay Bernstein vergangen. Man hatte nach Jahren der Gegenbauer-Dynastie endlich mal ein neues Gesicht, ein frischer Wind wehte durch das blau-weiße Lager, ein Aufbruch stand bevor. Statt eines Politikers, Ökonomen oder Finanzmoguls wurde ein ehemaliger Ultra zum Präsidenten gewählt. Einer, mit dem man sich als Herthaner identifizieren konnte.

Als am Freitag vor einer Woche dann die Meldung auf meinem Handy aufpoppte, dass der Verdacht bestehe Investor Lars Windhorst habe im Klubumfeld für seine eigenen Zwecke und Machtgelüste spioniert, wollte ich es zunächst nicht wahrhaben. Mein Herzensverein war wieder in den Schlagzeilen, selbst überregionale Zeitungen hatten ihren Sportaufmacher gefunden, der Spott kam aus allen Richtungen. Denn es war das nächste Kapitel einer skandalösen Windhorst-Saga, wobei alles bisher Geschehene noch einmal in den Schatten gestellt wurde. Es würde mich nicht wundern, wenn Netflix sich bald die Rechte sichern würde.

Der Stoff war ohnehin schon filmreif – und dann das: Laut Gerichtsunterlagen aus Tel Aviv, die der Financial Times vorliegen, soll Windhorst die israelische Wirtschaftsdetektei Shibumi Strategy beauftragt haben, um gezielt Abwahlstimmung gegen den damaligen Hertha-Präsidenten Werner Gegenbauer zu machen. Das Privatunternehmen, das laut verschiedenen internationalen Medienberichten auch immer wieder mit dem Geheimdienst Mossad in Verbindung gebracht wird, sollte mit „Außendienstmitarbeitern“ Gegenbauers Umfeld beschatten. Mithilfe von digitalen Fake-Profilen und Spionagetätigkeiten sollte Windhorsts Rivale öffentlich diskreditiert werden und schlussendlich zurücktreten. In den sozialen Medien tauchten daraufhin herabwürdigende Sensenmann-Karikaturen von Gegenbauer auf.

Im Falle eines Gegenbauer-Rücktritts soll Windhorst mit den Privatdetektiven eine Erfolgssumme von fünf Millionen Euro vereinbart haben. Abgesprochene Zahlungen scheinen jedoch nicht das Ding des Lars Windhorst zu sein. So musste schon die Hertha-Geschäftsführung auf einkalkulierte Tranchenzahlungen in den vergangenen Transferperioden warten. Da Windhorsts Millionen nach dem Rückzug Gegenbauers erwartungsgemäß nie in Israel ankamen, verklagte Shibumi Strategy den gebürtigen Ostwestfalen mit Wohnsitz in London. Ein skrupelloses, ein beispielloses Verhalten, selbst für die Fußballbranche. 

Doch Windhorst, der noch mehr Chaos im Hauptstadtklub schürte, um seine persönliche Machtgier auszuleben, hat seine Rechnung ohne die Fans gemacht. Hertha wird im Gegensatz zu anderen Fußballprodukten maßgeblich durch seine Mitglieder beeinflusst. Klubpolitisch und emotional. Zu einem Auswärtsspiel an einem Sonntag fahren keine 200 stillen Fußballkonsumenten, sondern Tausende Menschen, denen dieser Verein alles bedeutet. Die für ihn kämpfen wollen.

Windhorsts Engagement verdeutlicht endgültig, dass sich Investoren in Zukunft lieber anderweitig umschauen sollten. Vielleicht können sie ihre Millionen besser in England, Brasilien, den USA oder auf der arabischen Halbinsel investieren. Die Bundesliga zeigt sich dagegen fast immun gegen erfolgreiche Investorengeschäfte. Ob das Beispiel 1860 München mit Hasan Ismaik, Michail Ponomarjow beim KFC Uerdingen oder Klaus-Michael Kühne beim Hamburger SV: Traditionsklubs mit machtgierigen Investoren versinken zum Teil in den Niederungen der Dritten oder Vierten Liga.

Im Umkehrschluss war es letztlich vielleicht sogar gut, dass Hertha in der Ära Windhorst einen desaströsen Fußball gespielt hat und sich kontinuierlich in der Tabelle verschlechterte. Vom zehnten Platz im Jahr 2020 ging es 2021 runter auf den 14., ein Jahr später konnte der Abstieg erst in der Relegation verhindert werden. Der sportlich strauchelnde Klub kann sich paradoxerweise glücklich schätzen, den windigen Investor bald loszuwerden. Das finale Kapitel steht ja noch aus.