Die Krawalle am Rande des Hamburger G20-Gipfels haben eine Debatte über das Thema Linksextremismus entfacht. Nils Schuhmacher, der als kriminologischer Sozialforscher über Radikalisierungstendenzen in der Gesellschaft forscht, ordnet das Geschehen ein.

Herr Schuhmacher, waren die Krawalle in Hamburg ein Schaulaufen des Linksextremismus?

In Hamburg war eine sehr heterogene Masse unterwegs, nicht miteinander verbunden durch eine gemeinsamen politische Idee oder Motivation. Es waren sicher Linksradikale und Autonome beteiligt. Schon bei denen gibt es aber unterschiedlichen Strömungen. Und dann gab es politisch unbestimmbare Gruppen wie Voyeure und Selfie-Narzissten. Die sind da nicht unbedingt hingegangen, um Krawall zu machen, sondern haben sich mitreißen lassen.

Und plötzlich plündert man dann Geschäfte und zündet Autos an? Wie entsteht so eine Gewalt?

Im autonomen Spektrum gibt es die Grundhaltung, sich über Grenzen hinwegzusetzen – auch durch Sachbeschädigung oder Widerstand gegen die Polizei. Je nach Land werden diese Grenzen sehr unterschiedlich definiert. Es gibt kein gemeinsames Gewaltverständnis. Das zeigt sich daran, dass es in der hiesigen autonomen Szene zunehmend Stimmen gibt, die sich von dem Geschehen distanzieren.

Was wird mit dieser Gewalt bezweckt?

Die politisch motivierten Akteure setzen auf das Element des Spektakulären. Störungen und auch Gewalt erzeugen mehr Aufmerksamkeit und Nachhall als eine große Demonstration von 70.000 Teilnehmern. Das sehen wir ja jetzt auch.

Aber der Nachhall ist doch ein negativer. Sympathien erzeugt man damit nicht.

Das ist die Ambivalenz. Man erzielt zwei Effekte. Die einen schreckt man ab. Aber aus Sicht mancher Akteure ist es ein politischer Erfolg, dass darüber diskutiert wird, ob so ein Gipfel mit diesen Teilnehmern überhaupt in einer Großstadt stattfinden kann.

Wirklich? Wenn der Gipfel aufs platte Land zieht, findet er ja trotzdem statt.

Wenn der Gipfel sich aus der Stadt zurückziehen muss, wenn G20 hinter Mauern, auf einer Insel, auf der grünen Wiese tagt, bestätigt sich das Bild von Politikern, die weit weg sind von den Problemen. Damit sind sie ein Stück weit delegitimiert. Der Gipfel wird als Machtdemonstration begriffen, die möchte man stören. Es ist ein Kräftemessen. Und zwar von beiden Seiten.

Ein seltsames Kräftemessen: Die tatsächlichen Folgen bekommen Privatleute zu spüren, deren Autos jetzt verbrannt sind.

Die Grundidee ist, durch Störung Unordnung zu schaffen, und damit die Gipfel-Inszenierung zu durchbrechen. Das hat zunächst mal noch nichts mit Gewalt zu tun. Da geht es zum Beispiel um Sitzblockaden oder um den Versuch, in Sperrzonen zu kommen. Die bezeichnet die eine Seite als Schutzzone für die Politiker, die andere Seite sieht sie als demokratiefreie Zone, weil dort das Versammlungsrecht nicht gilt. Was dann passiert, ist nicht Teil eines Plans. Es ist eine Eigendynamik, die sich entfaltet, ohne dass die Demonstranten darüber noch Kontrolle haben. Es gehören ja noch andere Akteure dazu, wie die Polizei und die Politik.

Aber man nimmt in Kauf, dass es entgleist?

Man nimmt die Eigendynamik in Kauf. Die Alternative wäre, sich an keinerlei Konfliktsituationen zu wagen. Das ist für diese Gruppe keine Alternative.