Klimaaktivisten vor dem Finanzministerium: „Das ist erst der Anfang“

Rund 40 Demonstrierende kleben sich vor dem Finanzministerium in Berlin fest. Die Aktion richtet sich gegen den G7-Gipfel in Bayern und soll erst der Auftakt für eine Reihe von Aktionen sein.

Polizisten tragen Aktivisten, die aneinanderkleben. Die Aktivisten hatten sich vor dem Eingang des Finanzministeriums festgeklebt und demonstrieren für einen globalen Schuldenerlass und Klimagerechtigkeit.
Polizisten tragen Aktivisten, die aneinanderkleben. Die Aktivisten hatten sich vor dem Eingang des Finanzministeriums festgeklebt und demonstrieren für einen globalen Schuldenerlass und Klimagerechtigkeit.dpa/Christophe Gateau

Berlin-An den beiden Eingängen des Finanzministeriums in Mitte stehen viele Polizisten: Jeweils sieben Polizeiwagen stehen in der Niederkirchnerstraße und am Platz des 17. Juni. Schritt für Schritt tragen sie die rund 40 Demonstranten von den Eingängen weg. Einige von ihnen haben sich mit Sekundenkleber an den Gehweg, an die Wände des Ministeriums oder sogar aneinander festgeklebt. Die Polizisten müssen sie also lösen. Beim Wegtragen rufen die anderen: „Du bist nicht allein, du bist nicht allein!“

Die Blockaden hatten gegen 7.00 Uhr begonnen und waren wegen des aufwendigen Ablösens der angeklebten Hände bis 11.00 Uhr noch nicht beendet. Wegen möglicher Proteste und weiterer Aktionen gegen den G7-Gipfel waren zusätzlich 230 Polizisten in ganz Berlin im Einsatz. Die Gruppe Debt4Climate hatte die Blockade angekündigt, ohne aber den genauen Ort zu nennen.

Gegen 11.00 Uhr sitzen am Platz des 17. Juni noch vier von 20 festgeklebten Demonstranten, deren Hände mit einem Lösungsmittel gelöst werden müssen. Einige der anderen Demonstranten warten immer noch vor dem Ministerium mit ihren Plakaten. Sie wollen weiterhin mehr Aufmerksamkeit für ihre Botschaft schaffen, sagt einer von ihnen der Berliner Zeitung, „solang wir das noch können“. Die Aktivisten sitzen noch mit dem Rücken gegen das Wandbild auf der Seite des Ministeriums, andere machen Yoga-Übungen oder springen Springseil.

Vier Aktivisten des Aktionsbündnisses Debt4Climate vor dem Finanzministerium
Vier Aktivisten des Aktionsbündnisses Debt4Climate vor dem FinanzministeriumElizabeth Rushton

Der Sprecher für Klimapolitik in der Berliner Linksfraktion, Ferat Kocak, teilte am Montag mit, er unterstütze die Blockaden vor dem Finanzministerium. „Die aktuelle Klimakatastrophe trifft Menschen im globalen Süden weitaus härter, obwohl der globale Norden aktuell und historisch für den Großteil der CO₂-Emissionen verantwortlich ist“, so das Mitglied des Abgeordnetenhauses.

Teilweise sind Schmerzschreie zu hören

Vor einer Eingangstür zum Ministerium am Platz des 17. Juni sitzen die Demonstranten Penelope, Miriam, Amelie und Edmund. Sie versuchen, den Rest des Sekundenklebers von ihren Händen abzukratzen. Sie wollen aus Solidarität dableiben, während neben ihnen die letzten vier Demonstranten von der Polizei ausgelöst werden. Diese letzte Gruppe hat auch ihre Füße am Boden festgeklebt. Offenbar sind diese besonders schwer auszulösen: Zeitweise sind laute Schmerzschreie von den Demonstranten zu hören.

„Sicher ist es unangenehm, festgeklebt zu sein, aber eigentlich ist das mir egal“, sagt die 30-jährige Miriam. „Aber das ist nichts Wichtiges, sicher nicht im Vergleich zu dem, was die Menschen im globalen Süden jetzt erleben.“ Neben ihr sitzt der 58-jährige Edmund, der aus Braunschweig nach Berlin gereist ist, um an der Aktion teilzunehmen. „Die Klimakrise ist schon da“, sagt er. „Das Verständnis in der Gesellschaft dafür, welches globales Leid dadurch verursacht wird, ist relativ gering, und das wollen wir ändern.“

In der Niederkirchnerstraße hatten sich insgesamt sieben Aktivisten ans Ministerium geklebt. Andere hatten auch Botschaften mit Kreide auf den Gehweg geschrieben, unter anderem: „G7: Wer schuldet hier wem?“ oder „global debt = colonial debt“ (auf Deutsch: globale Schulden = koloniale Schulden). „Einige Mitarbeiter haben uns gefragt: „Toll, dass ihr das macht, aber warum hier?“, sagt der Demonstrant Michael Hofmann. „Das deutsche Wirtschaftsministerium ist aber sehr mächtig, wir wollen hier Druck aufbauen und ein Zeichen setzen, dass wir die Menschen im globalen Süden unterstützen.“

Protest soll erst der Anfang sein

Er bezieht sich darauf, dass in Ländern wie zum Beispiel Indien Temperaturen von 50 Grad bereits überstiegen worden sind. Laut Meinung der Demonstranten entsprechen die bisherigen Schritte der Bundesregierung für den Klimaschutz „den physischen Tatsachen“ der Klimakrise nicht. Die Aktion ist Teil einer Reihe von Protesten, die unter dem Titel „Debt for Climate“ wegen des G7-Gipfels stattfinden. Die Demonstranten fordern einen Schuldenerlass für Länder des Südens, damit sie nicht weiter Öl und Kohle fördern müssen.

In der vergangenen Woche hatte eine andere Klimaschutzinitiative, die sich Letzte Generation nennt, erneut zahlreiche Autobahnausfahrten und die Kreuzung am Frankfurter Tor blockiert. Aufsehen erregte auch eine mit einem Öl-Wasser-Gemisch bespritzte Wand vor einer Woche am Kanzleramt.

„Proportional haben die Menschen in der Dritten Welt gar nicht so zur Klimakrise beigetragen wie der globale Norden, sie leiden aber am schwersten an den Folgen“, sagt Michael Hofmann. „Ein Schuldenerlass stellt eine große Möglichkeit für Klimagerechtigkeit dar.“ Für heute sieht er die Aktion als vorbei – das sei aber erst eine „Auftaktveranstaltung“ gewesen. „Wir werden diese Kampagne weiterverfolgen“, sagt er. „Zumindest das ist die Verantwortung, die Deutschland den Menschen im globalen Süden schuldet.“

In einer Mitteilung von Extinction Rebellion hieß es: „Deutschland hat wie viele andere Länder des globalen Nordens eine historische Verantwortung an der Klimakrise, in gewisser Weise eine Klimaschuld gegenüber dem Rest der Welt, und als einer der G7-Staaten auch einen enormen Einfluss auf die allgemeine Weltpolitik.“ Ein Demonstrant vor dem Finanzministerium formuliert es am Montag so: „Deswegen müssen wir jetzt liefern.“