Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier initiierte das Forschungsprojekt.
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Haben die ersten Bundespräsidenten in den Jahren nach 1949 in ihrem Amt Seite an Seite mit Kriegsverbrechern aus der Nazizeit gearbeitet? Das ist eine der Fragen, die das heutige Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier klären lassen will. In den nächsten Tagen wird das von ihm initiierte Forschungsvorhaben „Das Bundespräsidialamt und der Nationalsozialismus“ beginnen. Darin soll es um mögliche personelle oder geistige Kontinuitäten aus der Zeit der Naziherrschaft gehen. Außerdem soll durch die Erschließung neuer Quellen untersucht werden, wie die Bundespräsidenten und ihr Amt nach 1949 mit dem Erbe des Nationalsozialismus umgegangen sind. Es gehe um eine Art Wirkungsgeschichte, wie die Präsidenten Tat und Täter zum öffentlichen Thema machten, der Opfer gedachten und die Erinnerungskultur der Bundesrepublik prägten, sagte eine Sprecherin der Berliner Zeitung.

Während Steinmeiers Vorgänger Joachim Gauck sich intensiv mit den deutschen Verbrechen während der Nazizeit in den europäischen Nachbarländern auseinandergesetzt und viele Tatorte aufgesucht hat, sind dem jetzigen Präsidenten Fragen der Erinnerungskultur und Aufarbeitung des NS-Unrechts in Deutschland besonders wichtig. Das hängt auch damit zusammen, dass er unmittelbar nach Amtsantritt 2017 mit der Geschichte der Dienstvilla des Bundespräsidenten in der Dahlemer Pücklerstraße konfrontiert wurde.

Das Haus gehörte bis 1933 dem jüdischen Unternehmer Hugo Heymann, dem die Nationalsozialisten Besitz und Leben nahmen. Seine Witwe scheiterte nach dem Krieg auf beschämende Weise mit Rückerstattungsanträgen am Widerstand ignoranter Behörden und Gerichte. Das Haus kam in Bundesbesitz und diente lange als Gästehaus der Regierung, bis es 2004 zum Wohnsitz der jeweiligen Bundespräsidenten wurde. Steinmeier weigerte sich, in die Villa zu ziehen, bis ihre Geschichte eindeutig geklärt und der einstigen Besitzer angemessen gedacht würde. Seit 2018 erinnert nun eine Gedenktafel vor dem Haus an die Eheleute Hugo und Maria Heymann. Außerdem haben das Präsidialamt und die Bundeszentrale für politische Bildung gerade eine Broschüre mit ihrer Lebensgeschichte, Dokumenten und wissenschaftlicher Einordnung veröffentlicht.

Der Historiker Julien Reitzenstein, der mit seiner Forschung den Anstoß für die Beschäftigung mit der Villa gab, vermutet, dass hohe Beamte des frühen Präsidialamtes in NS-Verbrechen verstrickt waren. Besonders eklatant dürfte der Fall des ersten Chefs der Behörde sein, Manfred Klaiber. Der Diplomat stand von 1942 bis 1944 in Diensten des deutschen Militärbefehlshabers in Serbien, wo schwere Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen wurden. Einen eindeutigen Hinweis gibt eine Spesenabrechnung Klaibers aus jener Zeit: „Reisegrund: Liquidation von Juden in Belgrad“, den Reitzenstein in einem Artikel für die Zeitung Jüdische Allgemeine zitiert. „Die Quellenlage ist eindeutig und bekannt“, sagte er der Berliner Zeitung. Klaiber wirkte nach seiner Zeit im Präsidialamt noch als Bonner Botschafter in Rom und Paris.

Ein ähnlicher Verdacht richtet sich gegen den dritten Chef des Präsidialamtes, Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld, der 1961 bis 1964 Heinrich Lübke zur Seite stand. Er war ab 1943 als politischer Offizier dem Kommandeur der Osttruppen zugeordnet und mit der Partisanenbekämpfung befasst, in deren Zuge es zu Massenerschießungen ziviler Geiseln kam. Nach dem Krieg war er unter anderem Botschafter in London sowie Protokollchef des Auswärtigen Amtes.

Bemerkenswert ist, dass die mögliche Verstrickung der Bundespräsidenten Heinrich Lübke und Karl Carstens in das Naziregime Gegenstand öffentlicher Debatten in den 1960er- und 1970er-Jahren war. Lübke wurde nach Veröffentlichungen aus der DDR vorgeworfen, als Ingenieur am Bau von Baracken für KZ-Häftlinge beteiligt gewesen zu sein. Bei Carstens ging es um die Frage, unter welchen Bedingungen er als Student der NSDAP beigetreten war. In beiden Fällen erwiesen sich die Vorwürfe als wenig stichhaltig. Auf die Idee, in der zweiten Reihe des Präsidialamtes nach Männern zu schauen, die tatsächlich an Verbrechen beteiligt waren, kam damals offenbar niemand.

Alle Bundespräsidenten haben sich mit unterschiedlicher Deutlichkeit zur deutschen Schuld an den Verbrechen der Nazizeit und vor allem der massenhaften Vernichtung der Juden in Europa und zu der daraus folgenden Verantwortung bekannt. Herausragend sind zwei Reden. Dem allgemeinen Klima des Beschweigens setzte Theodor Heuss 1952 anlässlich der Einweihung des Mahnmals im ehemaligen KZ Bergen-Belsen seine Überzeugung entgegen, dass jeder Deutsche von den Verbrechen an den Juden in irgendeiner Weise gewusst habe. Das war zu jener Zeit ein ähnlicher Tabubruch wie jener, den Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 beging, als er vor dem Bundestag die deutsche Kapitulation als einen Tag der Befreiung würdigte. An diesem Freitag, dem 8. Mai, wird Bundespräsident Steinmeier daran anknüpfen, wenn er seine Rede zum „75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und Europa“ hält, wie dieses Ereignis nun offiziell heißt.