Im Licht der jüngsten Umtriebe des Rappers Bushido mag sich so mancher fragen, wie eine solche Musik derart erfolgreich werden konnte. Bushidos Gangsta-Rap besteht aus meist stumpfen, harten Beats, zu denen er oder noch insulärer begabte Kumpels offenbar frei assoziierten Unrat auf der Basis von TV-Schund und Minimalwortschatz dahersprechen. Das muss nicht sein: Denn so drastisch die Grundbausteine des Genres erscheinen, so vielfältig, eloquent und kunstvoll stellen sich die Ghettoerzählungen dar, wenn sie von Könnern wie Schooly D und Ice-T, Ice Cube und Snoop Dogg, Notorious BIG und Tupac, 50 Cent und Jay-Z gerappt werden.

Ein derber Sozialrealismus prägte die HipHop-Reime schon, seit 1981 Grandmaster Flash vom Stress auf den scherbenübersäten, vollurinierten Straßen New Yorks reimte. Die Gangsta nutzten seit Ende der Achtziger diesen Drall für zunehmend wildere dokufiktionale Epen aus den Ghettos vor allem New Yorks und Los Angeles’. Während die Conscious-Schule gegen das deprimierende Elend der Reaganomics, den strukturellen Rassismus und die Chancenlosigkeit auf Solidarität, Bildung und Selbstbewusstsein setzte, erfanden sich die Gangsta als coole, entschlossene Manager der Ghettoökonomie, in deren Raps die Grenzen zwischen erlebter und überlieferter Realität kunstvoll verschwammen.

Tatsächlich trafen sich Kunst und Realität besonders augenfällig, als um die Jahreswende 1996 kurz nacheinander der Westcoast-Star Tupac Shakur, eine Art Gangsta-Robin-Hood und Sohn von Black-Panther-Aktivisten, und sein Ostküstengegenpart Notorious BIG, der sich als Mafiakönig New Yorks inszenierte, erschossen wurden. Gangverbindungen, Polizeikorruption und der zwielichtige Labelboss Suge Knight spielten bei dem Verbrechen eine noch immer nicht geklärte Rolle. Dennoch gehörte eine identifizierbare Kunstfigur zur Grundausstattung im HipHop, schließlich geht es doch vor allem darum, sich die ersten Meriten in öffentlichen Reim-Wettkämpfen zu verdienen.

So findet man unter den erfolgreichen Überlebenden Snoop Dogg, der mittlerweile eine Art onkelhafte Comicversion seiner einst bedrohlich schmeichelnden Figur gibt. Des weiteren 50 Cent, den neun Mal kugeldurchlöcherten, etwas grobschlächtigen Ex-Bodyguard und Kleindealer, der es zu einer von Jim Sheridan nett verfilmten Autobiografie und einigen erfolgreichen – das heißt hier stets hohe zweistellige Millionenbeträge im Jahr – Geschäftszweigen gebracht hat. Und schließlich Ex-Dealer Jay-Z, der als Thronfolger von Notorious BIG im letzten Jahrzehnt gleichsam die Familie in die Legalität von Musik-, Mode- und Sportunternehmen überführt hat und eine SMS-Freundschaft mit dem Präsidenten pflegt.

Die Vorbilder für solche biografischen Selbstentwürfe – eben Kunstfiguren – finden sich wiederum in Filmen wie Coppolas „Der Pate“, der ebenso gerne zitiert wird wie die einschlägigen, brutalen Mafiageschichten Scorseses oder der Blaxploitationfilm. Dabei erkennt man in den Überbietungen der Film- und Rapgeschichten durchaus eine Wechselbeziehung. Der Gangsta-HipHop bezieht außerdem wichtige Motive aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Unter den geräuschvoll mächtigen Ostküsten- und den eher gefährlich eingängigen Westküstenbeats liegen häufig alte Soulsamples, die wie Echos aus der optimistischen Mittelschichtsorientierung durch die grimmigen Storys aus den Sozialbrachen wehen.

Die Gangsta-Rapper malten ihre Ghettowelt in dichten Erzählungen aus, mal als breitwandige Epen voller Exzesse, mal in fiebrig-düsteren Berichten eines ständig bedrohten Alltags – und sie entwickelten diesen Ghettoaspekt für ein gutes Jahrzehnt ab Mitte der Neunziger zu einem gewaltigen globalen Exportschlager. Der nackte Materialismus, aber auch die notorische Misogynie und Homophobie provozierten dabei nicht nur die üblichen Sittenwächter, sondern bekümmerten auch liberale Kulturkritiker und nicht zuletzt die breiten Mittelschichten, deren afroamerikanische Vertreter sich falsch repräsentiert fühlten.

Fassen wir zusammen: Der Erfolg der besten Gangsta erklärt sich auch als Fortsetzung von künstlerischen Traditionen. Ihre Texte beziehen den Reiz aus einer filmischen Präzision und Detailfreude, die mit größter sprachlicher Lust und Könnerschaft die lokalen Straßen mit den Popmythen aus Film, Comic und HipHop selbst pflastern. Sie entwerfen mit allen, auch fragwürdigen künstlerischen Freiheiten eine eigenständige Welt. Und das ist in seiner Würde Lichtjahre von dem traurigen Schauspiel entfernt, das Bushido zur Zeit aufführt. Er habe doch niemanden wehtun wollen, erklärte er nun nach dem Buhei der vergangenen Tage. Ach nee jetzt. Peinlich.