Gastbeitrag: Sozialismus und Lederhose

Der italienische Kulturphilosoph Raphael Simone hat vor einiger Zeit die Baisse der demokratisch-sozialistischen Linken in Europa auf den Verlust ihrer intellektuellen Kapazität zurückgeführt. Tatsächlich war zuvor, in den optimistischen und erfolgreichen Jahren der sozialistischen Bewegung, die Symbiose zwischen zumeist fachlich hoch qualifizierten Arbeitnehmern und Intellektuellen aus bürgerlichen Randbereichen nachgerade konstitutiv. Jene lieferten die Erfahrungsdeutung und den Zukunftsnarrativ für diese und ihre Abwehrkämpfe gegen das Kapital.

Denn soziale Ungerechtigkeiten schufen nicht aus sich heraus den Transfer von Leid in Empörung und bewusste Veränderungsanstrengungen. Die plausible Interpretation von Hoffnung und Perspektive musste hinzukommen. Auch Moses hat den versklavten Hebräern in Ägypten erst Aussicht und Hoffnung auf das gelobte Land vermittelt, eher er die zerstrittene Menge sammeln und durch die Wüste führen konnte.

Das war seit jeher das Geschäft, pathetisch formuliert: die historische Mission, von Ideologiestiftern und Propheten, die sich den Emanzipationskämpfen verschrieben hatten. Für die Ausgebeuteten und Verfolgten der unteren Schichten verfassten die Intellektuellen ihre flammenden Pamphlete, überzeugt davon, die geschichtswendenden Drehbücher für die Erlösung des Menschengeschlechts zu schreiben.

Weit schwerer tat sich die Intellektuelle hingegen in den Niederungen der politischen Praxis. Denn sie war nun mal Subjekt der analytischen Kategorie und der Reflexionen, nicht der alltäglichen Empirie und konventionellen Kärrnerarbeit. Erlagen die Intellektuellen gleichwohl den Lockungen von politischer Karriere und realer Macht, dann verlief der Ausflug aus Salon oder Caféhaus in die gouvernementale Arena meist ohne alle Fortune. Die Intellektuellen räsonierten, parlierten und zauderten, wo Instinkt, Entscheidungskraft verlangt war.

Groß ist nur, wer hin und wieder verteufelt unlogisch handelt

Carl von Ossietzky spottete daher schon in Weimarer Zeiten über die gelehrten Sozialisten, die ohne „Witterung des Irrationalen hinter den Dingen, ohne die Ahnung gerade des echten politischen Logikers, dass das Irreguläre des Lebens den Schlüssen der Logik gelegentlich ein freches ironisches Schnörkelchen anzuhängen belieben. Denn wirklich groß war immer nur der Politiker, der es verstanden hat, hin und wieder verteufelt unlogisch zu handeln. Und Führer ist nur, wer einmal seinen ganzen Wissenskram vergessen kann. Schnurgerades Denken ist schätzbar, schätzbarer der Instinkt.“

Doch die schlimmste Zeit kam für die Intellektuellen immer dann, wenn die soziale Bewegung, in welche sie sich eingegliedert hatten, allmählich Erfolge auswies, wenn sich Löhne erhöhten, Wohnverhältnisse verbesserten, die Zahl der Urlaubstage vermehrte, gar Aufstiegsmöglichkeiten ergaben. Das dämpfte bei den einst Entrechten ihre Wut, die Entschlossenheit zur radikalen Forderung. Von da ab pflegten die Wege zwischen der Klasse und ihren Deutungslieferanten auseinanderzugehen. Schließlich nährte der Intellektuelle sich und sein theoretisches System aus der sozialen Spannung, den tiefen gesellschaftlichen Gegensatz. Und insofern entzogen die Gewerkschafterei, der kommunale Reformismus, das genossenschaftliche Versorgungsnetz, die sozialdemokratische Sozialstaatsreform den radikalen Intellektuellen das Substrat ihres Anspruchs.

Der SPD kamen die klassischen Intellektuellen abhanden

Auf diese Weise sind den Sozialdemokraten die klassischen Intellektuellen sukzessive abhandengekommen. Intellektualität und programmatische Begründungsfähigkeit gingen in der Zeit nach Willy Brandt und Erhard Eppler vollends verloren. Ein roter Faden politischer Begründung lässt sich in der geistigen Ortlosigkeit der SPD schwerlich ausmachen. Vielmehr deuten die Sozialdemokraten sich und ihr Tun in flüchtigen Episoden, chronisch wechselhaft, widersprüchlich, meist in Gestalt lieblos abgekupferter Modelle anderer sozialer oder politischer Kräfte. Das Paradigma des „Demokratischen Sozialismus“ ist leer; ihm kommt nur noch die Funktion der Lederhose für den Trachtenverein auf dem alljährlichen Kirchweihfest zu.

Andererseits: Die Intellektuellen jenseits der SPD sind nicht minder ratlos. Auch sie haben bislang einen Erzählstrang für die nachindustrielle, eine postkapitalistische und nachsozialdemokratische Gesellschaft nicht zu entwickeln vermocht. Wohl in keiner neuzeitlichen Krise herrschte eine solche Begriffslosigkeit bei der Betrachtung von Zukunft, bei den Erörterungen über das „danach“ wie im gegenwärtigen Umbruchsmoment. Man hat sich offenkundig zu fest und gut im „Jetzt“ eingerichtet. Man drängelt nicht in Richtung „danach“ – weder die Sozialdemokraten noch die Intellektuellen. Diese Geschichte einer Emanzipationsallianz ist zu Ende. Nur wer mag dann den dringlichen Transfer von Leid in Empörung und bewusste Veränderungsstrategien bei denen zu leisten, die mit dem für sie äußerst prekären „Jetzt“ nicht im Einvernehmen leben?

Franz Walterist Politologe und Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.