Meine Erinnerung an den 9. November 1989 ist weiblich. Tante Ursula, die Frau meines Onkels Teisir, drückt aufgeregt den Telefonhörer ans Ohr und ruft alle paar Minuten neuen Gesprächspartnern zu: „Kommt rüber! Kommt rüber!“ Ich war damals zwölf und hatte bei meinen Cousins im Wedding übernachtet.

Gespannt, wer so alles in der Wohnung eintrudeln würde, wartete ich. Doch es kam niemand. Alle hatten offenbar Angst, danach nicht mehr zurückreisen zu können.

Erst viel später hatte ich verstanden, dass die Menschen, mit denen Tante Ursula so aufgeregt gesprochen hatte, alles Verwandte und Freunde aus der DDR waren. Also aus dem Gebiet, das hinter der großen Wand lag, die wir als Kinder vom Hahneberg, nicht weit von der Heerstraße Nord entfernt, immer gesehen haben.

Zu einer Begegnung mit Menschen von hinter der Mauer kam es dann schneller als gedacht. Ich war auf dem Theodor-Heuss-Platz und konnte meinen Augen kaum glauben: Hunderte, Tausende drängten sich um die Bus- und die U-Bahnstation. Ein Mann hatte von einem Supermarkt eine riesige Tüte mit Bananen dabei und verteilte diese an die Leute. Wohl nicht wissend, dass es auch in der DDR Bananen gab. 

Mir fiel auf, dass viele Personen eher graue, unauffällige, einfache Kleidung trugen. Nicht die knallbunten Sweater und Overalls, die damals in den 80ern in West-Berlin so in waren. Aber die Stimmung der Menschen stand im kompletten Gegensatz zu ihren Klamotten: da war Freude, Überschwang, auch Übermut. Ich ließ mich mitreißen und feierte mit den völlig Unbekannten.

Im Osten mussten die Menschen ihr Leben komplett umkrempeln

Dieser Tag hat unsere Gesellschaft verändert. Allerdings weit vielschichtiger, als es die aktuelle Erzählung uns derzeit einzureden versucht. Im Osten mussten die Menschen von einem Tag auf den anderen ihr Leben komplett umkrempeln. Aber da war nicht nur Tristesse, Trägheit und Ängstlichkeit.

Zu Beginn stand eine Revolution, die einzige in unserer deutschen Geschichte, die positiv ausging. Und auch eine der wenigen, bei der Hunderttausende Menschen ihr Leben riskierten. Das haben heute leider viele – gerade im Westen – vergessen. Wer in den Tagen vor dem 9. November 1989 in Plauen, Leipzig, in Ost-Berlin, Dresden oder Schwerin auf die Straße ging, der brauchte verdammt viel Mut.

Und auch danach waren die Ossis, wie sie die Westler bis heute nennen, nicht faul. Wer sich von heute auf morgen ein neues Leben zimmern muss, der kann überhaupt nicht träge sein. Ganz im Gegenteil: gerade im Osten unserer Republik haben in den letzten dreißig Jahren massenweise Menschen neu aufgebaut, umstrukturiert, neue Ideen und Werte geschaffen. Natürlich gab es nicht nur Gewinner. Im Westen allerdings auch nicht.

Auf beiden Seiten der Mauer änderte sich der Alltag der Menschen. Auch das wird heute weitgehend ausgeklammert. Im Westen gab es genauso Ängste. Während im Osten der Stadt ganze Industrieanlagen stillgelegt und abgerissen wurden, fielen im Westen Berlins zig Arbeitsplätze weg.

Der Osten war für viele Fabrikbosse nun das bequeme Druckmittel, um die Belegschaft zu gängeln oder zu feuern. Besonders groß war die Furcht unter vielen Migranten. Es stand auf einmal die Frage im Raum, ob das neue, größere Deutschland sie noch brauche.

Viele saßen damals auf in Gedanken gepackten Koffern. Und erst, als der SPD-Kanzler Gerhard Schröder Jahre später zusammen mit den Grünen Deutschland ganz offiziell zum Einwanderungsland machte, gab es wieder Erleichterung.

Profitieren von den neuen Umständen

Heute bin ich überzeugt, dass es nicht DEN Westen gibt oder DEN Osten. Es waren Menschen auf beiden Seiten der einstigen Mauer, die eher gewonnen oder eher verloren haben. Und leider, wie so oft in der Geschichte der Menschheit, waren es auf beiden Seiten vor allem die Reichen, die Mächtigen oder Einflussreichen, die sich in der neuen Situation gut eingerichtet haben und von den neuen Umständen profitierten. Teils mit perfiden Mitteln.

Bestes Beispiel ist die Treuhand. Sie diente leider auch West-Unternehmen, um mögliche Konkurrenten im Osten aus dem Weg zu räumen. Auch das gehört zur deutsch-deutschen Wahrheit dazu. Ebenso der Ausverkauf ostdeutscher Innenstädte. Ganze Gründerzeitviertel sind heute, bestens renoviert, im Besitz von Zahnärzten, Architekten oder Anwälten aus Tübingen oder Paderborn.

Im Osten gab es auch zahlreiche Altkader, VEB-Chefs oder Stasi-Mitarbeiter, die sich schnell mit der neuen Lage arrangiert hatten und damit nicht schlecht fuhren. Materiell ging es vielen später besser. Einigen wenigen ging es besonders gut. Und einige müssen bis heute schauen, wie sie über die Runden kommen.

Im Jahr 2019 brauchen wir für unsere deutsche Erzählung endlich etwas mehr Ehrlichkeit: Wenn heute die hohen AfD-Werte in den östlichen Bundesländern mit einer fehlenden demokratischen Sozialisierung oder sogar Undankbarkeit erklärt werden, dann ist das einfach nur falsch.

Leere bei den Menschen

Im Westen sind die rechten Hetzer auch so gut wie überall zweistellig. Und in Städten wie Dortmund oder weiten Teilen Hessens gehören Neonazis leider genauso zum Straßenbild wie in manchen Winkeln von Bautzen.

Gerade habe ich mich länger mit meinem Fraktionskollegen Robert Schaddach, der als Wahlleiter 1989 die ersten demokratischen Wahlen in der DDR im Roten Rathaus organisierte, über die Zeit damals unterhalten.

Robert sagte mir, dass er im Moment eine große Leere bei vielen Menschen im Osten beobachte. Ich denke, diese große Leere ist nicht ost-typisch. Viele Menschen in unserem Land empfinden aktuell eine Form von Verunsicherung. Vielleicht ist es gerade diese Gemeinsamkeit, die uns noch mehr zusammenschweißen könnte.

Für mich gibt es eine Lehre aus dem 9. November 1989: Gerade wir Deutschen sollten niemals unseren Optimismus verlieren.

In diesem Sinne können wir uns einmal zurücklehnen und zufrieden auf das zurückschauen, was wir in den vergangenen 30 Jahren geleistet haben.

Das ist nicht wenig.