Gauck empfängt Angehörige von NSU-Opfern: Ein heikles Treffen

Es ist erst drei Wochen her, dass Joachim Gauck den NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages empfing. Seinerzeit waren nicht nur Fotografen zugelassen. Der Bundespräsident gab auch ein kleines Statement ab.

Am Montagmittag nun traf der 73-Jährige Angehörige der vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordeten neun Migranten und Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße, der ebenfalls auf das Konto der Terror-Bande geht. Anders als das Treffen mit den Parlamentariern war dieses Treffen allerdings im Vorhinein von großen Problemen belastet worden, was man daran erkennen konnte, dass der Vater des in Kassel getöteten Halit Yozgat mit einem Plakat erschienen war, auf dem er forderte, dass die Straße, in der der Ermordete sein Internetcafé hatte, in Halit-Straße umbenannt werde.

Einige Absagen

Zwar betonte der Bundespräsident erneut seine Entschlossenheit, den Dingen auf den Grund zu gehen. „Ich kann Ihnen nicht versprechen, Ihnen Sorgen nehmen zu können, die Sie bis heute bedrücken“, erklärte er. „Aber ich möchte Ihnen allen sagen, als Bundespräsident: Ich werde tun, was ich kann, dass unser Land – unser gemeinsames Land! – nicht vergisst, was geschehen ist! Ich will mithelfen, dass Ihr Leid weiter wahrgenommen und anerkannt wird. Und dass aufgeklärt wird, wo es Fehler und Versäumnisse gegeben hat!“ Gaucks Worte waren also nicht misszuverstehen. Auch sagte die Ombudsfrau der Opfer, Barbara John, das Mittagessen bei Perlhuhn im Teigmantel sei in guter Stimmung verlaufen. Gleichwohl war dieser Termin viel heikler als jener mit den emotional letztlich eher unbeteiligten Abgeordneten aus dem NSU-Untersuchungsausschuss.

Die Schwester des in Hamburg ermordeten Süleyman Tasköprü hatte im Vorfeld wissen lassen, sie fühle sich dem Besuch beim Staatsoberhaupt allein nicht gewachsen. Deshalb wollte sie sich von ihrer Anwältin begleiten lassen. Das habe das Bundespräsidialamt aber abgelehnt. Und überhaupt: Betroffenheit allein helfe ihr nicht, tat die Frau kund. Von anderer Seite verlautete, man wolle „nicht Teil einer Gauck-Show“ sein. Und dass der Präsident bei dem Thema nicht glaubwürdig agiere.

Der Streit um die Teilnahme von Anwälten waberte im Hintergrund seit Wochen. Die Absage wurde im Präsidialamt mit dem Hinweis begründet, dass Gauck auf eine möglichst persönliche Begegnung mit den Betroffenen Wert lege. Es gehe nicht um Rechtsfragen, hieß es.

Ständiger Opferbeauftragter

Schließlich war auch die Zeit knapp. Für den Austausch Gaucks mit den 70 Betroffenen waren 120 Minuten vorgesehen. Das macht theoretisch weniger als zwei Minuten für jeden Dialog. Viel ist das nicht. Gleichwohl zog Barbara John ein positives Fazit. Gauck sei nach seiner kurzen Ansprache auf Einzelne zugegangen und habe das Gespräch gesucht. Seine Bemühungen würden von den Teilnehmern auch anerkannt. Die Querelen im Vorfeld hätten jedenfalls keine Rolle gespielt.

Ungeachtet des Engagements des Staatsoberhauptes denken manche längst weiter. Der NSU-Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) schlug beispielsweise die Berufung eines ständigen Beauftragten für Opfer von Rechtsextremismus vor. So seien die über 20 Verletzten des Bombenanschlages von Köln relativ allein gelassen worden, bis sich Ende 2011 herausgestellt habe, wer die Täter waren, befand er. Derlei dürfe sich nicht wiederholen.