Berlin - Den Berliner Senat drängt die Zeit. Am 19. Dezember jährt sich zum ersten Mal der furchtbare Anschlag auf dem Breitscheidplatz, bei dem der Tunesier Anis Amri mit einem gestohlenen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt fuhr, um wahllos möglichst viele „Ungläubige“ zu töten. Bis zum Jahrestag der Tat in wenigen Wochen will die Stadt auf dem Breitscheidplatz einen Gedenkort fertigstellen, der an die zwölf Menschen erinnert, die bei dem Anschlag ihr Leben verloren haben. Mehr als 60 wurden verletzt, etliche sind für ihr Leben gezeichnet.

Ziel ist, dass die Hinterbliebenen der Toten und die bei dem Attentat Verletzten am 19. Dezember bei der Eröffnung des Mahnmals feststellen können, dass Berlin ihnen die Zuwendung für ihr Schicksal entgegenbringt, die sie in der ersten Zeit nach dem Anschlag schmerzlich vermissten. Sie erhielten beispielsweise Krankenhausrechnungen für die Obduktion der Toten samt Inkassoandrohung. Die amtliche Pietätlosigkeit fand ein Ende, seit sich der Opferbeauftragte des Senats, Roland Weber, und der vom Bund zusätzlich ernannte frühere SPD-Chef Kurt Beck engagiert und einfühlsam kümmern.

Der geplante Gedenkort an der Gedächtniskirche hat daher auch etwas von Wiedergutmachung für die Angehörigen. Drei von ihnen wurden in das Preisgericht berufen, das über sieben eingereichte Entwürfe entschied. Die Koordination übernahm eine vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller eingesetzte Projektgruppe, die unter der Regie von Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Senatskanzlei, das Vorhaben koordiniert.

Das Preisgericht empfahl im Rahmen eines Wettbewerbs mit geladenen Teilnehmern einstimmig den Entwurf des Berliner Büros Merz Merz zur Realisierung. Er sieht einen unregelmäßigen Riss in den Granitplatten des Platzes vor, der mit einer goldfarbenen Legierung ausgegossen werden soll. In die Stufen vor der Gedächtniskirche sollen die Namen der Getöteten und eine Inschrift graviert werden. Staatssekretärin Chebli lobt den Entwurf: „Es ist gerade das bestürzende Moment der Tat, dass sie geradezu wie ein Blitz plötzlich mitten in die friedlichen Menschen des Weihnachtsmarktes hineingefahren ist. Der Riss gibt das gut wieder und war von Beginn an der Entwurf, der den größten emotionalen Widerhall fand.“

Wie bei Wettbewerben für die Gestaltung wichtiger öffentlicher Orte üblich wäre es jetzt an der Zeit, eine öffentliche Debatte über den ausgewählten Entwurf für den Breitscheidplatz zu beginnen. Die wird es kaum geben, weil der Zeitdruck bis zum 19. Dezember die Agenda bestimmen wird.

Authentischer Ort, aber ...

Dabei gibt es Kritikpunkte, die dem Vernehmen nach auch in der Jury diskutiert, aber verworfen wurden. Einer davon ist die von Fachleuten gelobte Zurückhaltung des Merz-Entwurfs. Sie verzichtet einerseits wohltuend auf jegliche Überwältigung der Betrachter, wird aber in dem üblichen Rummel vor der Gedächtniskirche kaum wahrnehmbar sein. Des größten Terroranschlags, der Berlin seit Jahrzehnten getroffen hat, wird nur am Rande gedacht. Der Ort ist authentisch. Aber anders als der zerstörte Turm der Gedächtniskirche, der ohne weitere Worte die Schrecken des Luftkrieges verdeutlicht, haben die Granitplatten des Platzes, von Blut, Reifenspuren und Zerstörungen des Verbrechens gereinigt, nur dem etwas zu sagen, der schon alles weiß. Das ist aus der heutigen Wahrnehmung weniger ein Problem, wie die anhaltende, anrührende Anteilnahme der Berliner und Berlinbesucher mit Kerzen, Blumen und Fotos zeigt. Die Erfahrung mit anderen Gedenkorten besagt, dass das in zwei, fünf oder zehn Jahren wohl nicht mehr so sein wird. Dann muss sich der Gedenkort weitgehend selbst erklären. Begleitende Informationen und Hintergründe des Attentats, etwa auf einer Tafel, sind nach jetzigem Stand nicht vorgesehen. Bedauerlich, dass der Ort der Emotion nicht auch Information bereithält.

Frappierend ist, dass in der Inschrift nichts über den islamistischen Ursprung des Terroranschlags gesagt wird. Sawsan Chebli sagt auf die Frage nach den Gründen: „Wir sprechen in unserer Kommunikation von einem islamistischen Terroranschlag, und wir benennen das ganz klar.“ Aber in der Projektgruppe war man sich „sofort und ohne große Diskussion einig, dass die Erinnerung an die Opfer im Vordergrund stehen soll und eben nicht die Tat, der Täter oder dessen Motivation.“

Mykonos-Anschlag jetzt klar benannt

Wirklich nachvollziehbar ist das nicht. Zu Recht ist das Mahnmal zuvörderst den Opfern und ihren Angehörigen gewidmet. Aber dieser Ort ist auch der erste feste Ort, an dem die Stadt auch ihre Haltung gegenüber der Welle des weltweiten islamistischen Terrors manifestieren muss, der schon New York, Paris, London oder Stockholm traf. Es geht um einen Angriff auf die gesamte freiheitlich-plurale Gesellschaft. Die Widmung weicht diesem Thema aus. Der Satz „Für ein friedliches Miteinander aller Menschen“ ist von so zeit- und zusammenhangloser Richtigkeit wie Beliebigkeit, dass er überall und nirgends verwendet werden kann. Am Breitscheidplatz ist er fehl am Platze.

Der zeitliche Zufall will es, dass Kultursenator Klaus Lederer am Sonntag vor dem früheren Restaurant Mykonos in Wilmersdorf an einen früheren Terrorakt in West-Berlin erinnerte: die Ermordung von vier kurdischen Exilpolitikern am 17. September 1992. Mit Rücksicht auf die guten Handelsbeziehungen mit den Mullahs in Teheran wurde von der Bundesregierung lange verschwiegen, dass der Mord von höchsten geistlichen und staatlichen Führern Irans angeordnet oder gebilligt war. Erst seit 2004 weist eine Tafel darauf hin. Vor 25 Jahren, erklärte Lederer am Sonntag, habe es „an klarer Sprache und deutlichen Worten“ gefehlt. Und heute, „in Zeiten von Gewalt und Terror gegen Menschen, die Opfer werden, nur weil sie anders denken, anders glauben, anders leben, ist es notwendig, deutlich Position gegen den Hass zu beziehen.“

Diese Botschaft sollte auch am Mahnmal für die Opfer des islamistischen Anschlags auf dem Breitscheidplatz deutlicher werden, als sie es jetzt ist.