Frank-Walter Steinmaier betont die Verantwortung der Deutschen.
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BastogneAm Ende der Gedenkfeier schneit es in dem gewaltigen Denkmal oberhalb der belgischen Stadt Bastogne, das an die Toten erinnert. Es sind nur kleine Seifenblasen, die durch die Luft wirbeln und auf Mäntel und Mützen fallen. Sie sollen Schnee imitieren. Doch auf Malcolm Marsh wirken sie in diesem Moment wahrscheinlich wie richtiger Schnee. Sie erinnern ihn an die Stürme kurz vor Weihnachten 1944, als er – gerade einmal 21 Jahre alt – in einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs kämpfen musste. 75 Jahre ist das her.

Premiere in Bastogne

Am Montagmittag blickt der 96 Jahre alte Marsh in den trüben Himmel über Bastogne, hält kurz inne und sagt im schleifenden Englisch eines US-Südstaatlers: „Ich bin froh, dass ich heute kein Schützenloch graben muss.“ Ein paar Meter entfernt sitzt der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und hört dem Veteranen der US-Armee zu.

Die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Ardennenoffensive ist für Steinmeier eine Premiere. Zum ersten Mal nimmt der höchste Repräsentant der Bundesrepublik hier teil. Steinmeier sagt: „Ich weiß, es ist nicht selbstverständlich, dass ich hier spreche. Hier in Bastogne. Hier in Belgien, das Deutsche zweimal im vergangenen Jahrhundert überfielen.“ Doch die Gedenkkultur hat sich ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verändert. Sie ist inzwischen europäisch.

Fast 170.000 Menschen sterben

Die Ardennenoffensive war Hitlers letzter Versuch, die Alliierten auf ihrem Weg zur deutschen Grenze zu stoppen. Am 16. Dezember 1944 gab er den Befehl zum Angriff. Die Wehrmacht sollte nach Antwerpen vorstoßen, den Nachschub der westlichen Alliierten stoppen und sie zu Verhandlungen zwingen. Doch die Offensive kam schon an der Maas zum Stillstand, weil den Deutschen der Sprit ausging.

Dennoch dauerten die Kämpfe in den verschneiten Ardennen sechs Wochen. Am Ende waren fast 170.000 Menschen tot, vermisst, verwundet oder gefangen. Auf Seiten der US-Armee wurden fast 20.000 Soldaten getötet, bei den Deutschen waren es mehr als 12.000 Tote. 3000 Zivilisten in Belgien und Luxemburg starben.

Belgischer König dankt den USA, Steinmeier betont deutsche Verantwortung

Steinmeier spricht bei der Gedenkfeier nach dem belgischen König Philippe. Der sagt, Belgien werde den USA auf immer dankbar für die Befreiung von der Nazi-Besatzung sein. „Es gibt Zeiten, in denen wir Nein sagen müssen“, erklärt der Monarch: „Nein zu dem extrem Bösen, das eine hasserfüllte Ideologie hervorbringt. Das haben wir gemeinsam vor 75 Jahren getan.“

Führende Persönlichkeiten gedenken der Opfer der Ardennenoffensive.
Foto: AP/Francisco Seco

Diesen Gedanken greift Steinmeiers Rede auf. „Mit Trauer verneige ich mich vor den Toten aller Nationen. Diese Toten waren Opfer von Hass, Verblendung und Zerstörungswut, die von meinem Lande ausgegangen waren.“ Glücklicherweise sei es heute anders, sagt Steinmeier: „Belgien hat uns seine Bereitschaft zur Versöhnung geschenkt. Sie haben uns den Weg geöffnet in ein friedliches Europa. Dafür sind wir Deutschen zutiefst dankbar.“

Auch die Rolle der USA im Zweiten Weltkrieg sei äußerst wichtig gewesen. Die US-Streitkräfte „haben auch Deutschland befreit“, sagt Steinmeier: „Dafür danken wir Ihnen, den Veteranen, die ihr Leben eingesetzt dafür.“ Steinmeier sagt weiter: „Ein geeintes, friedliches Europa – das ist die Lehre, die wir Europäer aus übersteigertem Nationalismus und Rassismus, aus dem Vernichtungskrieg gezogen haben. Bitte lasst uns das nicht vergessen. Gerade in dieser Zeit, in der Nationalismus und völkisches Denken wieder an Verführungskraft gewinnen.“

Für Deutschland, das den letzten großen Krieg in Europa entfesselt habe, sei das eine bleibende Verantwortung: „Ihnen allen, Belgiern, Luxemburgern, Polen, Amerikanern, Kanadiern, Briten, Franzosen und Niederländern, will ich als deutscher Bundespräsident sagen: Wir Deutsche wissen um unsere Verantwortung. Wir stehen zu dieser Verantwortung, und wir tragen sie weiter.“