Es gibt mehrere Ereignisse, die das Ende der DDR einläuteten. Manche sagen, es war die Öffnung der ungarischen Grenze zum Westen im Sommer 1989, andere sagen, es waren die Montagdemos in Leipzig im heißen Revolutionsherbst ’89. Doch eigentlich begann alles viel früher – und der 17. Januar 1988 gehört definitiv zu jenen Daten, die entscheidend waren für den Niedergang des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden“.

Es war der dritte Sonntag im Januar, an dem im Osten Berlins wie immer an die Ermordung der Kommunistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erinnert wurde. Doch an jenem Tag protestierten auch DDR-Oppositionelle.

Es war der Tag, an dem die für die Öffentlichkeit unbekannte Opposition Gesichter und Namen bekam – wie Stephan Krawczyk, Vera Wollenberger oder Wolfgang Templin. Es war auch der Tag, an dem ein bislang kaum bekanntes Luxemburg-Zitat zu einer der wichtigsten Losungen der Opposition aufstieg: „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.“ Viele der Protestierer wurden damals verhaftet und in den Westen abgeschoben.

Staatsfeind Krawczyk

30 Jahre nach diesem Anfang vom Ende der DDR fand am Sonntag wieder eine Liebknecht-Luxemburg-Demo statt, bei der einige tausend zum Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde zogen. Zuvor legte die Parteiführung der Linkspartei dort Blumen nieder.

Am Grab zeigte sich die Parteiführung geeint wie eine Familie. Obwohl wieder mal heftige Richtungskämpfe stattfinden und und Ex-Parteichef Oskar Lafontaine und seine Frau Sahra Wagenknecht eine neuen linke Bewegung rund um die Linke oder eine linke Volkspartei gründen wollen. Viele werfen ihnen die geplante Spaltung der Partei vor. Doch zum alljährlichen Gedenken begrüßen sich alle herzlich, umarmen sich oft auch und schreiten Seit an Seit an die Gräber. Allerdings bleiben Wagenknecht und Lafontaine hinterher recht isoliert, während die anderen diskutieren.

Gregor Gysi, der einstige Parteichef, hat eine klare Meinung zu den Protesten vor 30 Jahren. „Mit den Verhaftungen 1988 zeigte die DDR, dass sie am Ende war“, sagte er, nachdem er seine roten Nelken sowohl am Denkmal für die toten Sozialisten niedergelegt hat als auch am Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus. „Ein Staat kann ein bestimmtes Verhalten erlauben, dann muss er aber auch die Kraft haben, solche Plakate und Proteste auszuhalten. Wenn er solches Verhalten verbietet, muss er es auch bestrafen.“ Die Oppositionellen aber wurden nicht ins Gefängnis gesperrt, aus Angst vor der Reaktion im Volk, sondern in den Westen abgeschoben. „Wenn ein Staat beides nicht kann – nicht erlauben und nicht bestrafen –, dann ist er am Ende.“

Die SED-Führung und die Stasi reagierten damals erst einmal hart. „Ich bin nicht mal bis zur Demo gekommen“, erzählt Stephan Krawczyk heute. Er sei ganz in der Nähe seiner Wohnung verhaftet worden.

„Wir wurden zu Staatsfeinden erklärt“, sagte der Liedermacher und Schriftsteller am Sonntag bei einer Veranstaltung im Stasi-Museum. Er hatte damals Auftrittsverbot – auch weil er das vom Staat verpönte Luxemburg-Zitat öffentlich gemacht hatte. „Wir wollten die DDR nicht abschaffen. Wir hatten den Status quo akzeptiert. Es ging darum, dieses sozialistische Land zu reformieren. Es ging darum, die Bonzen zu entmachten.“

Für den Protest hatten sich die Oppositionellen bewusst diese Demo ausgesucht, denn für die SED-Führung war sie etwas Heiliges. Sie sah sich in der Tradition der großen Revolutionäre – und die Opposition wollte sie gerade mit Zitaten dieser Revolutionäre bloßstellen. „Wer es wagte, diese Demo zu stören, beging ein Sakrileg“, sagte Krawczyk.

Vorspiel für friedliche Revolution

„Allein am 17. Januar werden 107 Leute verhaftet“, sagte der Forscher Christian Booß. „Insgesamt waren es in der Folgezeit mehr als 200 Verhaftungen.“ Es gab zwei Gruppen, die die Behörden als Staatsfeinde einstuften: Die Ausreisewilligen, denen vorgeworfen wurde, sie seien Reaktionäre, die doch nur das schöne Leben im Westen wollen. Und dann waren da noch die politischen Oppositionellen, die man nach dem Protest loswerden wollte.

Viele wie Stephan Krawczyk und Freya Klier wurden bewusst nicht in der DDR inhaftiert. „Sie wurden in den Westen gedrängt“, sagte Booß. Sie sollten weg sein, damit der Protest später nicht wieder losgeht. „Trotzdem war diese Aktion das Vorspiel zur friedlichen Revolution.“

Auch der damalige Oppositionelle Wolfgang Templin sagte: „Unser Protest wurden im Jahr danach bei den Montagdemos in Leipzig aufgegriffen.“