„Das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das (…) iranische Volk auslöschen könnte“:

Es stimmt, dass Israel für sich in Anspruch nimmt, Präventivschläge gegen seine Gegner zu führen.  Der Angriff auf den irakischen Atomreaktor Osirak 1981 war ein solcher Präventivschlag. Israel sagt, es sei ein so kleines Land, dass es von seinen Feinden überrollt würde, wollte es deren Aggression abwarten.

Doch Grass, ein Mächtiger des Wortes, weiß genau, dass Erstschlag nicht dasselbe ist wie Präventivschlag. Es bedeutet, als Erster Atomwaffen einzusetzen. Die USA hatte sich im Kalten Krieg den nuklearen Erstschlag vorbehalten, um sich gegen die konventionelle Übermacht der Sowjetunion zu behaupten.

Zum Erstschlag passt das Wort von der Auslöschung. Doch alles, was man über die israelischen Pläne für einen Angriff auf die iranischen Atomanlagen weiß,  beinhaltet weder den Einsatz von Atombomben noch eine Flächenbombardierung iranischer Städte. Es geht darum, einzelne Anlagen zielgerichtet aus der Luft zu zerstören.

„Das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk (…), in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird“:

Präsident Ahmadinedschad ist ganz sicher keiner, der nur Parolen schwingt. Er hat die Demokratiebewegung in seinem Land höchst handfest unterdrückt, er treibt mit Nachdruck den Bau von Atomanlagen voran. Ahmadinedschad hat Israel immer wieder mit Vernichtung gedroht. Aber kann es richtig sein, ihn als Maulhelden zu verharmlosen, nur  weil er bislang keine Gelegenheit hatte, diese Drohung wahrzumachen? Es spricht einiges dafür, dass es die iranische Führung war, die vor zwei Monaten Bombenanschläge auf israelische Botschaftsangehörige in Indien und in Georgien verüben ließ.

Schief ist auch, was Grass über den organisierten Jubel des iranischen Volkes schreibt. Nach allem, was man weiß, stehen die Iraner mit großer Mehrheit hinter den Plänen zur Entwicklung eigener Atomkraftwerke. Auch den Bau einer Atombombe finden viele iranische Nationalisten richtig. Ansonsten erfreut sich Ahmadinedschad bei seinem verarmten und von der islamischen Revolution enttäuschten Volk nicht allzu großer Zustimmung.

Einen endgültigen Beweis für das iranische Atombombenprogramm gibt es nicht.  Die internationalen Inspektoren haben aber viel zu viele Geheimnisse und Ungereimtheiten erlebt, um an eine ausschließlich zivile Nutzung der Kernenergie zu glauben. Westliche Geheimdienste glauben, dass Iran noch nicht über eine eigene Bombe verfügt,  aber die Vorbereitungen weit vorangetrieben hat.