709 Abgeordnete sitzen im Bundestag, so viele wie nie zuvor. Ohne Reform, könnte der nächste Bundestag locker 800 Abgeordnete oder sogar noch mehr umfassen.
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BerlinAm Donnerstag wird es wieder rappelvoll werden im Plenum des Deutschen Bundestages. Dann stimmen die Abgeordneten der sechs Fraktionen über ein neues Organspende-Gesetz ab. Zwei Gesetzentwürfe stehen zur Auswahl, die Mehrheiten sind ungewiss, folglich kommt es auf jeden anwesenden Parlamentarier an.

Doch auch in den normalen Sitzungswochen ist im Reichstag viel los. Manchmal sogar zuviel. 709 Abgeordnete sitzen im Bundestag, so viele wie nie zuvor. Seit dieser Legislaturperiode kommt es regelmäßig vor, dass die Reichstagskuppel an Sitzungstagen kurzzeitig für Besucher geschlossen wird. Das verfügt der Brandschutzbeauftragte, wenn zu viele Menschen im Haus sind, das dann im Brandfall womöglich nicht rechtzeitig evakuiert werden könnte. Das ist oft an Dienstagen der Fall, wenn die Fraktionen aller Parteien ihre Sitzungen haben. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, heißt es aus der Verwaltung. Dass sie mit der Rekordzahl der Mandate zusammenhängt, mag man dort auch nicht bestätigen. Aber die Vermutung liegt nahe.

In den Plenarsaal jedenfalls passen noch viel mehr Menschen, als bisher dort regelmäßig sitzen. Die Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt, umfasst sämtliche Bundestagsabgeordneten sowie noch einmal die gleiche Anzahl von Vertreterinnen und Vertreter der Bundesländer.

Nächste Bundestag könnte 800 Abgeordnete umfassen

Als Frank-Walter Steinmeier am 12. Februar 2017 zum Staatsoberhaupt gewählt wurde, saßen also 1260 Stimmberechtigte im Plenarsaal, dicht an dicht und auf Klappstühlen. Die markanten blau-violetten Stühle waren für diesen Tag abmontiert worden. Sonst hätte man die Versammlung niemals untergebracht.

Würde man in dieser Legislatur ein neues Staatsoberhaupt wählen müssen, hätte die Bundesversammlung sogar 1418 Mitglieder und müsste dann vermutlich in einem anderen Saal stattfinden.

Das ist natürlich nicht der Grund, warum derzeit zwischen den Parteien ein neues Wahlrechtsgesetz verhandelt wird. Nimmt man die derzeitigen Politikumfragen als Grundlage für etwaige künftige Wahlergebnisse, könnte der nächste Bundestag ohne Reform locker 800 Abgeordnete oder sogar noch mehr umfassen.

Das Problem sehen alle Fraktionen ähnlich, bei der Lösung gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Hintergrund ist natürlich, dass künftig weniger Mandate zu verteilen sind, und Verzicht fällt bekanntlich immer schwer. Die Wahlrechtsreform, an der nun bereits seit mehr als zwei Jahren gearbeitet wird, stockt daher seit geraumer Weile. Will man das Problem so lösen, dass es bereits für die Wahl im kommenden Jahr wirksam wird, muss man demnächst allerdings eine Entscheidung treffen. Im kommenden März beginnen nämlich bereits die ersten Wahlkreise mit ihren Kandidatenaufstellungen.