Neulich war es wieder so weit. Da durfte Geert Wilders mal wieder wüten. „Unser Land wurde besetzt. Und wir müssen es zurückerobern“, sagte Wilders dem Sender WNL. Wilders saß im noblen Zigarrenzimmer eines Hotels, gab aber dennoch den selbst ernannten Anwalt des Volks. Warnend schob er hinterher. „Wir haben in den Niederlanden das Recht zu demonstrieren“, sagte er. Und er stellte für die Wahl des Premiers klar: „Revolte bedeutet, dass die Wähler nicht akzeptieren, dass sie übergangen werden.“

Wilders will Koran und Moscheen verbieten

Noch ehe das Land abgestimmt hat, mobilisierte der mögliche Sieger schon mal die außerparlamentarische Opposition von rechts. Ein Raunen ging durchs Land. Und durch Europa. Am kommenden Mittwoch (15. März) wählt Holland ein neues Parlament. Geert Wilders (52) und seine Freiheitspartei PVV führen die Umfragen an, auch wenn sie zuletzt leicht schwächelten.

Die Agenda ist einfach. Das Programm umfasst eine DIN-A4-Seite. Den Koran will er verbieten, radikale Moscheen schließen. „Wenn wir nicht wollen, dass Europa überschwemmt wird, müssen wir unsere Grenzen wieder bewachen. Dazu muss man keine Mauer bauen.“

Wilders: Islam ist keine Religion, aber eine Ideologie

Wilders ist der Prototyp des neuen rechten Polterers. Den Antisemitismus eines Jean-Marie Le Pen ersetzte er durch Islamophobie. „Der Islam ist verkleidet als Religion, aber er ist eine Ideologie“, so Wilders. Migrantenmobbing verpackt als Religionskritik. Dazu ein sozial eher linkes Programm, das den Wohlfahrtsstaat beschwört. Und Maulen über den Euro, Europa und die korrupte Elite in Brüssel. Natürlich das Lästern über entscheidungsunfähige Demokratie. Fertig ist Wilders’ Programm, das längst auch andere kopiert haben. Marine Le Pen in Frankreich, Frauke Petry in Deutschland, Donald Trump in den USA.

 Wilders’ Slogan lautet: „Nederland weer an ons.“ (Niederlande wieder für uns). In den 90er-Jahren startete der Jurist seine Karriere in der rechtsliberalen Partei VVD des heutigen Premiers Mark Rutte. „Dat mag je niet zeggen“, hieß es damals im Land: Das kannst du nicht sagen. Wohl aber denken. Wilders sprach aus, was andere dachten.
2004 kam der Bruch, Wilders verließ die VVD – und startete seine Ein-Mann-Show. Bis heute ist er das einzige Mitglied seiner Partei. Fast 800000 Follower hat er auf Twitter. Er selbst folgt niemandem. Der Mann ist ein Einzelkämpfer. Und ein Grenzgänger.

Wilders spielt das Spiel des Außenseiters

„Ein seriöser Politiker beschreibt ein Problem und benennt zehn Ursachen, bei Wilders ist es umgekehrt. Er führt zehn Probleme auf einen Grund zurück: Zuwanderung“, sagt Hans de Bruijn (54), Politologe an der TU Delft. Der Forscher schrieb ein Buch über die Rhetorik des rechten Aufsteigers. Als David gegen Goliath beschreibt De Bruijn Wilders“ Kampf gegen das Establishment.

Erster Schritt: „Der Außenseiter spielt das Spiel nach seinen Regeln.“ Dazu gehören eine radikale Wortwahl und der gezielte Tabubruch: „Seine Stärke lag immer darin neue Worte zu finden. Massenzuwanderung, Muslimterror, marokkanisches Pack. Die endlose Wiederholung führte dazu, dass die Menschen glauben, dass das empirisch stimmt.“
Selbst der politische Gegner übernahm die Sprache. Von „Massenislamisierung“ sprachen selbst die Grünen in einer Anfrage im Parlament. Punktsieg Wilders. 

Verwirrung im politischen Koordinatensystem

„Das ständige Übertreten von Grenzen verschiebt irgendwann das gefühlte politische Koordinatensystem“, so De Brujn.
In den Niederlanden  lässt sich das gut beobachten. Vor wenigen Wochen schaltete der rechtsliberale Premier Mark Rutte eine ganzseitige Anzeige in den Zeitungen des Landes. „Doe. Maar. Gewoon“ (Mach mal halblang) stand da zu lesen. Eine Anspielung auf ein niederländisches Sprichwort: „Doe maar gewoon, dan ben je gek genoeg“  – mach mal halblang, dann bist du schräg genug. Diese Aufforderung zur Nivellierung  galt aber nicht pubertierenden Jugendlichen, sondern den Ausländern im Land. Wer sich nicht anpasst, fliegt raus, lautete Ruttes Botschaft. So trist tickt Liberalismus heute.

Trotz guter Wirtschaftszahlen Verunsicherung

Mark Ruttes Wirtschaftsdaten sind gut, die Arbeitslosigkeit sinkt. Der Immobilienmarkt im Land der Eigenheimbesitzer hat sich erholt. Das nützt dem Regierungschef aber nichts. Es zählt die gefühlte ökonomische Verunsicherung. Gerade übernahm ein belgischer Verlag die mächtige Boulevardzeitung „Telegraaf“. Der US-Konzern Kraft Heinz machte sich am nationalen Heiligtum Unilever zu schaffen.

Die Marktwirtschaft  macht auch vor den Niederlanden nicht halt. Die raue See konnten sie mit Deichen zähmen, aber gegen die Mächte des weltweiten Kapitalismus fühlen sie sich schutzlos. „Wir leben in einem Zeitalter der Globalisierung, in dem alles mit allem zusammenhängt. Das kleine Griechenland bringt den Euro ins Wanken. Das erzeugt bei vielen Menschen ein Gefühl der Angst. Raus aus dem Euro, Grenzen dicht, Zuwanderung stoppen  – die Sprache der rechten Populisten bedient ein Gefühl der Kontrolle. Links und Liberal steht für Offenheit und Zusammenleben  – das ist schwierig zu vermitteln“, so De Bruijn. Seine Beobachtung: „Die Mitte findet keine Sprache gegen rechts.“

Plötzlicher Aufstieg für Wilders

Wilders Aufstieg kommt nicht aus dem Nichts. Seine Wähler sind eher jung, sie speisen sich aus drei Schichten: Die erste Gruppe hat schlecht bezahlte Jobs und ist  niedrig gebildet, eher sozialdemokratisches Klientel. Die zweite Gruppe sind klassische Renditerechner, eher aus dem kleinbürgerlich-liberalen Milieu, sie finden, dass sie zu  hohe Steuern zahlen für ihre harte Arbeit. Und schließlich gibt es die Ideologen, klassische Rechte, durchaus auch gut gebildet. So lässt sich aus Wilders’ Aufstieg auch viel über Europa lernen.

„Versplinterering“ heißt das auf niederländisch und meint die Zersplitterung des Parteiensystems. Als Erstes bröselten die Kräfte der Mitte, Christ- und Sozialdemokraten, dann kamen plötzlich kuriose Parteien mit Sonderinteressen auf, die Partei 50Plus macht Politik für Senioren. Neues Phänomen ist Denk, eine Partei von Migranten für Migranten, die sich im Streit über die Israel- und Türkeipolitik von den etablierten Parteien abwandten.  In Holland kämpft jeder für sich alleine. Die Mitte zerfällt. 

Politische Richtungen vermischen sich

Maurice de Hond in Amsterdam kann das gut erklären. „Rand und Mitte gibt es nicht mehr. Ebenso wie links und rechts. Ich unterscheide zwischen Chancenreichen und Chancenarmen“, so de Hond. Der Wahlforscher stellt in seinen Erhebungen zwei Fragen: „Sehen Sie Ihre wirtschaftliche Zukunft positiv? Und: Angesichts der gravierenden Veränderungen in den vergangenen Jahren, blicken Sie zuversichtlich nach vorn?“. De Honds Fazit: „Die Verunsicherten stimmen für Wilders, die Linkspartei SP oder die Seniorenpartei 50plus. Die Zuversichtlichen für die linksliberale Partei D66 oder die Grünen.“ De Hond sagt weiter: „Wilders’ Wähler suchen Zuflucht in der Vergangenheit.“ Es herrscht eine neue Sehnsucht nach der Welt von gestern. Einer sicheren Welt, die es so nie gab.