Kindererziehung, Kochen, Pflege: Die zweite Schicht zu Hause.
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BerlinIm vergangenen Jahr machte Sanna Marin, Verkehrsministerin in Finnland, einen Vorschlag zur Verkürzung der Arbeitszeit und brachte eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich ins Gespräch. Als sie wenige Monate später Premierministerin wurde, machten ihre Anregungen Schlagzeilen. Zwar ließ die Regierung wissen, dass sie keine Pläne hat, die Wochenarbeitszeit zu verkürzen. Aber immerhin macht sich in Finnland jemand an der Spitze des Landes Gedanken über grundlegende Reformen des Sozialstaates und die Neuorganisation der Arbeitswelt.

In Deutschland ist man schon radikal, wenn man einen Haushaltstag pro Monat einfordert, wie es ihn in der DDR gab. Oder bessere Bezahlung von Pflegekräften. In Deutschland gilt noch überwiegend der Kult des langen Arbeitens. Durch E-Mail und soziale Medien hat man nie Feierabend, außerdem gibt es besonders in Berlin eine Start-Up-Kultur, in der es gefeiert wird, wenn man noch um zwei Uhr nachts im Büro sitzt. Das geht einher mit einer Fetischisierung von Arbeitszeit. Wer nicht darüber klagt, wie viel er zu tun hat, gilt als seltsam. In den meisten Firmen wird nicht der befördert, der am meisten schafft, sondern derjenige, der ständig klagt, wie überarbeitet er ist.

Die unsichtbare Arbeit der Frauen

Wenn wir über Arbeit reden, dann geht es um die richtige, die wahre Arbeit, die Erwerbsarbeit in einem Betrieb. Es geht nicht um das Badezimmer-Putzen oder das Planen, Einkaufen, Kochen von Essen. Nicht um das Pflegen kranker Kinder und Angehöriger. Nicht um das Wäsche-Waschen und Zum-Fußballtraining-bringen. Nicht um die Zeit, die man damit verbringt, beim Kinderarzt am Telefon durchzukommen.

Der Sozialstaat westlicher Prägung funktionierte lange nur, weil Frauen kostenlos Arbeit verrichteten. Sie zogen Kinder groß, sie pflegten die Alten. Doch dazu sind Frauen immer weniger bereit, mit drastischen Folgen, die alle spüren. Frauen ist Arbeit und Beruf heute genauso wichtig wie Männer, das fand eine Brigitte-Studie aus dem Jahre 2017 heraus. Doch wenn die Frauen mehr Zeit am Arbeitsplatz verbringen, wer erledigt die Haushalts- und Familienarbeit? Wie wird der Sozialstaat neu organisiert? Unter dem Begriff „Care-Arbeit“ („Sorge-Arbeit“) wird seit einigen Jahren über diese Frage diskutiert. Vergangene Woche brachte die Organisation Oxfam eine Studie heraus, dass Frauen weltweit 11,5 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit leisten. Würden sie dafür zum Mindestlohn bezahlt, läge der Gegenwert bei elf Billionen Dollar im Jahr, rechnet die Entwicklungsorganisation vor.

Au-Pair aus Ecuador

Dass Männer zurückstecken und sich mit den Frauen die Arbeit teilen, ist superselten. Wer es sich leisten kann, der heuert andere Frauen an, um die Sorgearbeit zu delegieren: die Babysitterin, die Nanny, die Putzfrau, den Amazon-Prime-Niedriglöhner. Aber will man das? Ist das lebenswert, wenn man das eigene Kind unter der Woche abends nur noch schlafend sieht? Und was ist eigentlich mit den Frauen, die die Arbeit übernehmen, also das Au-Pair-Mädchen aus Ecuador, das für 150 Euro pro Woche auf das Baby der Mittelschichtsfrau aufpasst, damit diese fünfzig Wochenstunden arbeiten kann? Viele können sich das nicht leisten, und haben auch keine Oma, die einspringt, sie sind gefangen in der alltäglichen Kleinfamilien-Hölle, die Erschöpfung, Burn Out, Depressionen, Trennungen und Herzinfarkte produziert.