Tel Aviv - Den Moment, mit dem die Angriffe begannen, hat die Hamas auf einem Video festgehalten: Israelische Soldaten versammeln sich auf einem Hügel im Süden des Landes, als ein weißer Bus um die Ecke biegt. Die Kamera nimmt den Bus ins Visier, man hört ein Zischen und einen Knall, dann ist der Bus verschwunden, eine Feuersäule steigt auf, gefolgt von dichtem schwarzen Rauch, ein Gegenstand fliegt durch die Luft, die Kamera zoomt weg und stoppt mit dem Bild eines leuchtenden Punktes inmitten der gerade noch so friedlichen Landschaft. Menschen sind keine mehr zu sehen.

Es ist Montagnachmittag, das erste Mal seit dem Gaza-Krieg 2014 feuert die Hamas eine russische Panzerabwehrlenkwaffe vom Gazastreifen aus Richtung Israel. Sämtliche Soldaten im Bus seien bei dem Angriff getötet worden, behauptet die Terrororganisation später. Das israelische Militär korrigiert die Angaben: Kein einziger Soldat sei gestorben, nur einer, der direkt neben dem Bus stand, sei schwer verletzt worden.

Keine Rechtfertigung für Gewalt gegen Zivilisten

Innerhalb der nächsten Stunden werden mehr als 400 Raketen und Mörsergranaten vom Gazastreifen auf Israel geschossen, mehr als im letzten Gaza-Krieg zusammen. Israelische Kampfjets greifen im Gegenzug mehr als 150 Ziele im Gazastreifen an, darunter einen Fernsehsender, drei Regierungsgebäude, das Sicherheitsministerium und die Geheimdienstzentrale. Palästinensische Beschäftigte und Zivilisten werden vom israelischen Militär gewarnt und aufgefordert, die Gebäude zu verlassen. Nach palästinensischen Angaben sterben bei den Angriffen mindestens vier Menschen, neun werden verletzt. Auf israelischer Seite gibt es mehrere Verletzte und ein Todesopfer. Es sind die schwersten Auseinandersetzungen seit vier Jahren. Bewohner versammeln sich in Luftschutzräumen, bis zum Toten Meer tönen die Sirenen. Von einem neuen Krieg will niemand sprechen, noch nicht. Man habe kein Interesse daran, das haben beide Seiten zuletzt immer wieder versichert.

Als „höchst alarmierend“ bezeichnete das Auswärtige Amt in Berlin am Dienstag die Lage im Süden Israels und im Gazastreifen und verurteilte den Raketenbeschuss der Hamas „aufs Schärfste“. Für diese Gewalt gegen unschuldige Zivilisten gebe es keine Rechtfertigung. Yossi Kuperwasser, Ex-Brigadegeneral der israelischen Armee, beschuldigte am Dienstag die Hamas, nicht mehr nur ihre eigenen Leute als Schutzschilde zu benutzen, sondern auch israelische Zivilisten. Bei einer Konferenzschaltung mit Korrespondenten sagte er auf die Frage, wie die Hamas trotz der Blockade über so viele Raketen verfügen könne, die Terrororganisation werde vom Iran unterstützt, durch Tunnel von Ägypten aus würden die Waffen nach Gaza geschmuggelt. „Jeden Tag beschlagnahmen wir welche, aber die ägyptische Grenze kontrollieren wir nicht. Da können wir nicht eingreifen.“