Wieso geben Menschen Ereignisse falsch wieder? Eine Erklärung.
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BerlinIn einer seiner besten Detektivgeschichten beschreibt der amerikanische Spätromantiker Edgar Allan Poe die Aufdeckung eines mysteriösen Pariser Doppelmords, dem eine Wahrsagerin und ihre Tochter zum Opfer gefallen sind. Zahlreiche Zeugen berichten von einem Streit, der in der Wohnung der Frauen stattgefunden habe.

Einig sind sie sich, dass dabei neben Französisch auch noch eine ihnen unverständliche Sprache erklang. Am Ende ist klar, dass das Verbrechen von einem Orang-Utan verübt wurde, der seinem Eigentümer entlaufen war. Die vermeintliche Fremdsprache enthüllt sich als das Schimpfen eines Affen.

Die Zeugen haben sich getäuscht. Poes Erzählung „Der Mord in der Rue Morgue“ liefert ein Lehrstück über die Unzuverlässigkeit der menschlichen Wahrnehmung. Nach kognitionspsychologischen Studien geben in der Regel nur 20 Prozent der Augenzeugen den Ablauf eines Unfalls oder eines Verbrechens halbwegs richtig wieder. Der Rest täuscht sich bei der Erinnerung an Ereignisse und Personen unwissentlich.

Reine Wahrnehmung täuscht ebenso wie unsere Intuition

Gerade die Plötzlichkeit eines Geschehens sorgt für Wahrnehmungslücken, die im späteren Bericht durch frei erfundene Mutmaßungen geschlossen werden. Für Polizei und Gerichte bedeutet das eine erhebliche Hypothek. Allein auf der Basis von Zeugenaussagen können Straftaten objektiv nicht rekonstruiert, Urteile nicht irrtumssicher gefällt werden.

Daraus darf man schlussfolgern, dass nur das verlässlich ist, was durch Datenabgleich begründet werden kann. Die reine Wahrnehmung täuscht ebenso oft wie unsere Intuition. Gleichzeitig aber offenbart die psychologische Forschung eine andere Facette. Der langjährige Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer hat in einer Studie nachgewiesen, dass „Bauchentscheidungen“ oft profunder sind als Vernunftentschlüsse, die auf eigener rationaler Einschätzung beruhen.

Gigerenzer spricht von „unbewussten Erfahrungen“, die unsere Intuition leiten. Gerade in Situationen, die von großer Unsicherheit geprägt sind, hilft die Logik nicht weiter. Hier muss das Unbewusste den Ausschlag geben, weil wir mit den Methoden der Vernunft keine klare Begründung für unsere Entscheidungen finden.

In vielen Lebensbereichen trägt man der Macht des Unbewussten bereits Rechnung. Der Wetterbericht auf unserem Handy verrät nicht nur die objektive, sondern auch die „gefühlte“ Temperatur, die durch Faktoren wie Licht oder Wind massiv beeinflusst werden kann. Eine Fußballreportage spricht von „gefühlt 100.000 Zuschauern“, weil die anwesenden 50.000 die Heimmannschaft mit mächtigem Lärm unterstützen.

„Gefühlte Fakten“ bilden einen Widerspruch in sich

Der Wissenschaftsjournalist Sebastian Hermann veröffentlichte vor einigen Monaten ein Buch über „gefühlte Wahrheiten“, das wiederum die Bedeutung subjektiver Ängste und Wünsche bei der Auseinandersetzung mit politischen Urteilen und wissenschaftlichen Befunden untersucht.
So produktiv die Intuition bei Risikoentscheidungen sein mag, so problematisch bleibt die alleinige Berufung auf die Macht des Subjektiven.

Gerd Gigerenzer verweist nachdrücklich darauf, dass das intuitive Urteil als Ergänzung zur Logik zu betrachten ist. Wo es Tatsachen gibt, klare Diagnosen möglich sind und die Statistik eindeutig ist, muss der subjektive Faktor zurücktreten. „Gefühlte Fakten“ bilden einen Widerspruch in sich. Die Intuition wird zur Gefahr, wenn sie objektiv Gegebenes leugnet.