Dilek Kalayci (SPD), Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, neben Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin.
Foto: dpa/Annette Riedl

BerlinGenerell ließ sich der Begründer der Sexualwissenschaft, der Berliner Arzt Magnus Hirschfeld, von humanen Prinzipien leiten. Allerdings erlitt er im Ersten Weltkrieg einen nationalistischen Schub, der seinen ansonsten klaren Geist trübte. Während der 1918 tobenden Verzweiflungsschlachten empfahl er, wie sich Soldaten am besten über das mörderische Trommelfeuer „hinwegtäuschen“ könnten: „Sichversetzen in eine erotische Atmosphäre, Vortäuschung von Kaltblütigkeit und Ruhe durch Witzeln, philosophische Reflexion im Sinne der Selbstbeherrschung.“

Solche Verhaltensweisen sind menschliche, aber dumme Ausweichreaktionen. Sie treten auch angesichts der Corona-Pandemie auf. Derzeit helfen nur äußerste Disziplin, entschlossene Politiker und ein starker Staat.

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Man fragt sich verzweifelt, warum es die Berliner Landesregierung nicht früher vermochte, die Clubs und Diskotheken zu schließen. Selbst noch am vergangenen Donnerstag wehrten sich Kultursenator und Bürgermeister Klaus Lederer (Linke) wie auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) gegen klar geregelte Ausgangsbeschränkungen. Lautstark fielen beide Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) in den Rücken, die solche Maßnahmen forderte.

Die Parteichefin der Berliner Linken, Katina Schubert, faselte in sektiererischer Einfalt, weitere Kontaktbeschränkungen führten „ins Kriegsrecht“. Die Fraktionsvorsitzenden der Berliner Grünen, Antje Kapek und Silke Gebel, empfahlen staatliche Homöopathie: „Aktives Parkmanagement, bis hin zu Lautsprecherwagen, das darauf hinweist, sich nicht in Gruppen aufzuhalten.“ Da wünscht man sich doch Markus Söder nach Berlin – mehr Klarheit statt des feigen Wischiwaschis einer rot-rot-grünen Selbstfindungsgruppe namens Senat.

Aber, aber: Die Politiker und Politikerinnen sind unsere gewählten Repräsentanten. Laut ZDF-Politbarometer hielten noch Anfang Februar lediglich 10 Prozent der Deutschen das Coronavirus für bedrohlich; 80 Prozent empfanden die staatliche Vorsorge als völlig ausreichend.

Der Volksmeinung entsprechend beschwichtigte der Leiter des Gesundheitsamts von Frankfurt am Main, René Gottschalk, vor sieben Wochen: „Nach allem, was wir wissen, ist der (Corona-) Verlauf in Europa sehr mild.“ Das hörten wir damals gerne. Nachdem die Begrenzung für Großveranstaltungen auf tausend Personen festgelegt worden war, störte das den Kabarettisten Dieter Nuhr mächtig. Er war gerade auf Tournee und twitterte am 10. März: „Wir haben eine Erkrankungsrate von 0,0001 Prozent der Bevölkerung. Also ich würde gerne einfach auftreten am Wochenende.“ Erst da hatte sich die Stimmung gedreht. Nuhr bekam ein kräftiges Contra. Ich schätze ihn. Aber könnte er sich einfach entschuldigen?

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Erinnern Sie sich noch, liebe Leserinnen und Leser, an die ununterbrochene und besserwisserische Kritik an der chinesischen Regierung? Bis in den Februar hinein wurden die Infektions- und Todesstatistiken ständig angezweifelt und das Krisenmanagement als undemokratisch verteufelt. Nun aber zeigt sich, wir hätten von China viel lernen können. Wir wollten nicht. Tun wir es jetzt, es ist höchste Zeit.