Geworfen in eine absurde Welt, sind wir daran gewöhnt, unsere Ansprüche herunterzuschrauben. In einem Land, in dem die Unternehmerpartei FDP und die Grünen gemeinsam das Klima retten wollen, kann man im Grund nur noch die Flusstäler meiden. Doch manchmal wird die allgemeine Verleugnung der Wirklichkeit unerträglich. In der Absurdität des politischen Alltags, an die man sich ja gewöhnt hat, leuchtet plötzlich eine abgründige Irrationalität auf, auf die es nur eine Antwort gibt: Widerstand.

Als der Kapitän der „Lifeline“ 2018 vor Gericht stand, weil er Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet hatte, schrieb ein Bekannter von mir auf Facebook: „Jemanden anzuklagen, weil er Menschen vor dem Ertrinken gerettet hat, das ist ja, als würde man jemanden anklagen, weil er Menschen vor dem Ertrinken gerettet hat.“ Dieser ironische Kommentar scheint heute wie ein Echo aus einem vergangenen humanistischen Zeitalter. Denn als letzte Woche der ehemalige Bürgermeister des süditalienischen Dorfes Riace, Mimmo Lucano, zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, fiel kaum jemandem mehr die Absurdität des Ganzen auf.

Lucanos Vergehen: Er hatte das fast menschenverlassene Dorf Riace für einige hundert der 500.000 obdachlosen Migrantinnen in Italien geöffnet. Damit gelang es ihm nicht nur, die Häuser vor dem Verfall zu retten und Riace zu einer Metropole des durch die Monopolisierung der Landwirtschaft menschenverlassenen Kalabrien zu machen. Vor allem durchbrach er den Teufelskreis der europäischen Migrationspolitik: Nur wer eine Wohnadresse hat, bekommt Papiere – und entkommt damit dem Kreislauf aus Illegalität und Ausbeutung.

Doch Menschen aus den Händen der Mafia zu retten und ihnen ein Minimum an Würde zurückzugeben: Das ist, wie das Urteil zeigt, ein Vergehen in Europa. Denn die europäische Landwirtschaft und Industrie brauchen rechtlose Sklavenarbeiter, um die globalen Märkte mit Billigprodukten zu überschwemmen. Aktuell leben geschätzt drei Millionen illegalisierte Migranten in der EU und werden als Ernte-, Fleisch- oder Care-Arbeiter ausgebeutet. Wie normalisiert diese unerträglichen Zahlen sind, zeigt etwa die Rolle, die die Flüchtlingsfrage im deutschen Wahlkampf gespielt hat: gar keine.

Die Zukunft des Kontinents liegt in den Händen eines Politikbetriebs, der über das Grinsen von Armin Laschet oder den Lebenslauf von Annalena Baerbock diskutiert, während Tausende ertrinken und Millionen erniedrigt werden. Der kriminelle Deal der EU mit Frontex, die menschenverachtenden Beschlüsse im Bundestag gegen die Aufnahme von Flüchtlingen und alle Versuche, bereits in Deutschland lebende Menschen zu regularisieren, zeigt ein Muster: dass sich Merkels historisches „Wir schaffen das“ auf keinen Fall wiederholen soll.

Was tun? Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als die Gerechtigkeit über das herrschende Recht und die Humanität über eine absurde Politik zu stellen. Das globale Bürgerrecht, von dem bekanntlich schon Hannah Arendt träumte, wird kommen. Bis dahin müssen wir uns auf die älteste europäische Tugend besinnen: die Gastfreundschaft, wie sie uns von Mimmo Lucano in Riace vorgemacht wurde.