Kanchanaburi - Stumpfsinnig brüten die muskelbepackten Raubtiere in Thailands berüchtigtem „Tiger Temple“ vor sich hin. Nur noch die Jungtiere zeigen im Wat Pha Luangta Maha Bua jene lebhafte Neugier und Angriffslust, die Tigern nachgesagt wird. Sie aber sind angekettet: Es droht also keine Gefahr, die Besucher können unbekümmert zwischen den anderen, vor sich hin dösenden Raubkatzen umherspazieren.

Der Wat Pa Luangta Maha Bua wurde 1994 als buddhistischer Wald-Tempel und Reservation für wilde Tiere gegründet. Allzu bunte Kleidung ist hier verboten, um die Tiger nicht aus ihrer Apathie zu wecken. Frauen sollten überdies dezent gekleidet sein, das fordern die Kleidervorschriften der Mönche.

Nicht-menschliche Personen

Tierschützer beklagen seit Jahren die Zustände in dieser von ihnen so bezeichneten „Tigerzuchtanstalt“ und behaupten, das Kloster stecke tief im illegalen Wildtierhandel. Beamte des in Thailand herrschenden Militärregimes schlossen vor einigen Wochen erst das Gelände des 40 Kilometer außerhalb der Stadt Kanchanaburi gelegenen Anwesens und wollten den Vorwürfen nachgehen. Anfang Februar stellten sie den Mönchen einen Persilschein aus – alles bestens.

Wildtierhandel oder Tierquälerei: Solche Vorwürfe können dem Geschäft mit den Tigern nicht schaden. Ab ein Uhr mittags spazieren täglich Hunderte Kinder, Teenager und erwachsene Besucher aus aller Welt über das Gelände. Ihr Ziel: Ein Foto in Schmuseposition mit den wie eingeschläfert wirkenden, apathischen Tigern.

„Wir in Asien“, sagt Louis Ng von der Tierschutzgruppe Acres (Animal Concerns Research and Education Society), „haben traditionell eine sehr zwiespältiges Verhältnis zu Tieren. Wir betrachten sie entweder als Nutztiere, die man rücksichtslos ausbeutet. Oder wir sehen sie, wie im Fall des Tigertempels, als niedliche Schoßtierchen.“ Unterschiedliche Religionen vom Christentum über den Islam bis zu Buddhismus und Hinduismus, so erklärt Ng weiter, führten in verschiedenen Regionen Asiens zu unterschiedlichem Verhalten.

In Indonesien gelten Orang Utans oft oft als lästiges Ungeziefer, weil sie bei der Erweiterung von Ölpalmenplantagen stören. In Indien werden wilde Leoparden, die auf Teeplantagen gefangen wurden, oft jahrelang in kleinen Käfigen gehalten. Laut Gesetz dürfen sie nicht getötet werden. Aber Aussetzen kann man die Leoparden nicht, weil der riesige Subkontinent längst zu klein geworden ist, um die Lebensräume von Raubkatzen und Menschen sauber zu trennen.

Trendwende in Asien

Dazu passt die jüngste Meldung, dass indische Wildhüter erst am Donnerstag wieder einen Tiger erschossen haben. Das Tier hat angeblich zwei Menschen getötet und wurde seit Tagen von einem Heer aus 50 Forstarbeitern, Tierärzten und Sicherheitskräften gejagt. Kurzum, so lange die natürlichen Lebensräume schrumpfen, werden tödliche Zwischenfälle dieser Art passieren und die ohnehin vom Aussterben bedrohten Tiere vom Menschen als Feinde wahrgenommen.

Doch Tierschützer beobachten seit einiger Zeit in Asien eine Trendwende. „Ich glaube, dass in der Öffentlichkeit Tierschutz vielmehr Aufmerksamkeit genießt als noch vor zehn oder 15 Jahren“, sagt Nirmal Ghosh, Vorstandsmitglied der nach einem indischen Naturpark benannten Corbett-Foundation, „das spiegelt sich im Verhalten der Behörden und Regierungen wieder“.

So reagierte Delhis Umweltministerium auf Proteste gegen auf dem Subkontinent geplante Unterhaltungsparks mit Delfinen und Walen nicht nur mit einem Verbot. Die Behörde verlieh den im Meer lebenden Säugetieren den Status „nicht-menschlicher Personen“. Damit besitzen Delfin und Wal in Indien nun das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit – und vor allem darf niemand sie als Eigentum betrachten.

Der weinende Elefant Raju, der nach 50-jähriger Misshandlung auf Anordnung eines indischen Gerichts endgültig von den Ketten seines drogensüchtigen Besitzers befreit werden konnte, verdankt seine Freiheit zumindest teilweise der großen Aufmerksamkeit, die sein Fall in der Öffentlichkeit erregt hatte.

Die Macht sozialer Medien

„Die sozialen Medien haben es möglich gemacht“, sagt Acres-Vertreter Louis Ng in Singapur, „wir sind nicht mehr darauf angewiesen, bei traditionellen Medien um Platz für unser Anliegen zu betteln. Wir können jetzt selbst mobilisieren“. Der gelernte Fotograf erlebte seine persönliche Bekehrung zum Tierschutz nach jahrelangem Umgang mit einem sogenannten Foto-Schimpansen des Zoos von Singapur. Louis Ng hatte den Affen für gute Bilder abgerichtet und ihn von seinen Artgenossen isoliert.

Inzwischen setzt Ng seine Hoffnung auf die „Generation Y“ der 18- bis 35-Jährigen. Sie mögen zwar in Retortenstädten wie Singapur aufgewachsen sein und Natur lediglich als künstlichen Aufguss erlebt haben. Beim Engagement für leidende Tiere zeigen sie aber eine Leidenschaft, die Tierrechtlern in aller Welt in nichts nachsteht.