Firmensitz von WMP, der wohl wichtigsten Lobby- und PR-Agentur Deutschlands, in Berlin.
Foto: Christian Schulz

Read the English version of this article here.
Secret Spin Operation in Berlin: Inside the Intelligence Peddlers‘ web

BerlinAn einem Tag im Frühjahr 2020 trifft sich Michael Inacker in seinem Büro mit einem Mann, den er schon länger kennt. Sein Gast nennt sich Jason G., das ist sein Deckname, denn wie es aussieht, ist G. als Dienstleister für westliche Geheimdienste tätig. Er wird die Informationen aus dem Gespräch später gegen Inacker verwenden. Inacker hält ihn, so hat es den Anschein, für einen Geschäftspartner, vielleicht jemanden, der ihm helfen könnte, lukrative Geschäfte zu machen.

Michael Inacker ist der Vorstand von WMP – der wohl wichtigsten Lobby- und PR-Agentur Deutschlands. Im Aufsichtsrat sitzen Menschen wie der Ex-Metro-Chef Eckhard Cordes, Wendelin Wiedeking, der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Porsche, und Hans-Hermann Tiedje, Ex-Bild-Chefredakteur. Dem PR-Profi Inacker, bestens in der Politik verdrahtet, dürfte an diesem Tag im Frühjahr 2020 noch nicht bewusst sein, dass ihm dieses Gespräch Ärger einbringen wird.

In der Unterhaltung soll es um einen Deal gehen, um ein geheimes Dossier, das das Emirat Katar schwer belasten könnte: Der Golfstaat soll demnach die militante Islamistengruppe Hisbollah finanzieren, die in vielen Ländern als Terrororganisation eingestuft ist, seit einigen Monaten auch in Deutschland.

Ein Anwalt antwortet im Auftrag der Firma WMP EuroCom AG, „dass unsere Mandantin sich in keiner Weise an einer Verschleierung eines Zusammenwirkens katarischer Stellen bzw. Personen und der Hisbollah beteiligt hat“

Das Gespräch der zwei Männer dreht sich um ein heikles Angebot: Hochrangige Sicherheitskräfte aus Katar stellten demnach 750.000 Euro in Aussicht dafür, dass diese Informationen nicht ans Licht kommen. Wie es scheint, will Inacker dabei helfen, er selbst bestreitet dies. 

Auch die Zeit berichtete über das brisante Dossier – und dass Inacker selbst dabei eine Rolle spielen soll. Geriet er hierbei in eine „Sting Operation“, die auf Katar zielte, eine verdeckte Geheimdienst-Operation, und das mitten in Berlin? Das ist die Version von Jason G.; Sicherheitsdienste westlicher Länder sollen daran beteiligt gewesen sein. Inacker dementiert die Vorwürfe, er zieht die Unterlagen und Quellen in Zweifel. Ein Anwalt antwortet im Auftrag der Firma WMP EuroCom AG, „dass unsere Mandantin sich in keiner Weise an einer Verschleierung eines Zusammenwirkens katarischer Stellen bzw. Personen und der Hisbollah beteiligt hat“.

Der Berliner Zeitung liegen Belege über den Inhalt und Ablauf des Gesprächs vor, dazu weitere Unterlagen und Dokumente. Zusammen legen sie den Schluss nahe, dass Regierungsvertreter in Katar bereit waren, Geld dafür zu bezahlen, damit die inkriminierenden Inhalte verschwinden.

Ein sicheres Postfach für Informanten

Wenn Sie anonym Hinweise für das Investigativ-Team haben oder auf Missstände aufmerksam machen möchten, können Sie unser verschlüsseltes Postfach nutzen. Unsere Software nutzt hierbei die höchsten Standards für digitale Sicherheitsarchitektur. Alle Informationen und weitere Kontaktmöglichkeiten finden Sie hier.

Jason G. soll laut Zeit ein privater Contractor sein, der auf Vertragsbasis für Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste arbeitet. Nach Informationen der Berliner Zeitung war er zuvor 16 Jahre lang für einen mächtigen westlichen Geheimdienst tätig.

Im Nahen Osten kennt er sich bestens aus. Zwischen 2016 und 2017 arbeitete er offenbar als verdeckter Agent in Katar. Sein Thema: illegaler Waffenhandel und Finanzierung von Terrororganisationen und militanten Islamistengruppen. Wenn es stimmt, was G. sagt, hatte er dort eine Quelle innerhalb des Sicherheitsapparates.

Die Berliner Zeitung hat Teile des Dossiers einsehen können. Wie Jason G. es darstellt, enthält es Belege dafür, dass Katarer die Hisbollah mit Geld und Waffenlieferungen unterstützen. Das Emirat ist für den Westen ein gefragter Partner und Austragungsort der Fußball-WM 2020. Zugleich aber steht der kleine, reiche Golfstaat wegen möglicher Verbindungen zu islamistischen Gruppen schon länger in der Kritik. Sollte es Beweise dafür geben, dass das Emirat die Hisbollah unterstützt, könnten Sanktionen drohen.

Katar spielt eine zentrale Rolle bei den internationalen Bemühungen, Terrorismus und Extremismus im Nahen Osten zu bekämpfen“, heißt es aus dem Büro des Botschafters in Berlin.

Die Hisbollah ist im Libanon ein mächtiger Faktor, als politische Partei ist sie Teil der Regierung. Aber in vielen Ländern gilt sie als Terrororganisation. In Deutschland wurde ihr politischer Arm erst vor wenigen Monaten verboten; der bewaffnete ist es ohnehin. Ende April durchsuchten Polizisten in Berlin und anderen Bundesländern Moscheen, die der „Partei Gottes“ nahestehen sollen.

Die Regierung in Doha reagiert nicht auf die Fragen der Berliner Zeitung. Die Botschaft in Berlin weist die Vorwürfe zurück, ohne auf die konkreten Punkte einzugehen. „Katar spielt eine zentrale Rolle bei den internationalen Bemühungen, Terrorismus und Extremismus im Nahen Osten zu bekämpfen“, heißt es aus dem Büro des Botschafters in Berlin. „Wir haben strenge Gesetze, um die Finanzierung von Terrorismus durch Privatleute zu überwachen und zu verhindern. Jeder, der sich an einer illegalen Aktivität beteiligt, wird verfolgt und im vollen Umfang des Gesetzes bestraft.“

Der Inhalt des Dossiers klingt durchaus explosiv, die Frage ist nur, wer in dieser verworrenen Geschichte welche Interessen verfolgt hat. Michael Inacker jedenfalls ist massiv unter Druck geraten, auch der Stern und die Jerusalem Post berichteten über eine mögliche Verstrickung in den angeblichen dubiosen Deal mit Katar. Wollte er also helfen zu vertuschen, dass Hintermänner in Katar helfen, die Hisbollah aufzurüsten – einen der gefährlichsten Feinde Israels? Oder ging es ihm, wie er behauptet, darum, für Transparenz zu sorgen?

Nach den Informationen der Berliner Zeitung kennen sich die beiden Männer seit Ende 2017. Damals, so sagt Jason G., habe er sich mit dem Dossier an einen Anwalt in München gewandt. Der soll ihn in Kontakt mit Michael Inacker gebracht haben. Ob das ein Zufall war? Jason G. sagt, er hatte Inacker schon „seit längerem“ auf dem Radar – als Lobbyisten, der Geschäfte mit staatlichen Akteuren in aller Welt macht. 

Der WMP-Chef habe gesagt, die Informationen klängen durchaus interessant, er habe angeboten, die Dokumente dem deutschen Sicherheitsdienst vorzulegen, was offenbar auch geschah. Inacker teilt mit, er habe die „zugetragenen Informationen“ den „zuständigen deutschen Dienststellen gemeldet und damit öffentlich gemacht“. Jason G. indessen behauptet, Inacker habe seine Kontakte zu den deutschen Sicherheitsdiensten spielen lassen, um den Marktwert des Dossiers zu steigern.

Inacker lässt mitteilen, er habe „weder in bar noch auf irgendeine sonstige Weise von dem Informanten eine Zahlung“ erhalten, „insbesondere nicht für eine Mitwirkung an einer Verschleierung“. Aber es gibt Anzeichen, dass sich die beiden Männer über einen längeren Zeitraum getroffen haben. Ohnehin hatte Inacker Kontakt zu einem katarischen Topdiplomaten in Brüssel; auch dieser antwortet nicht auf die Fragen der Berliner Zeitung.

Allerdings spricht einiges dafür, dass es zu Geschäften mit Katar kam: So liegt der Berliner Zeitung eine Vereinbarung vom Juli 2019 vor, die eine Firma von Jason G. mit dem katarischen Militär abgeschlossen hat. Demnach soll der Contractor für die Dauer eines Jahres monatlich 10.000 Euro für seine Dienste erhalten. Zudem wird ihm darin schriftlich zugesichert, dass Katar ihn nicht wegen Spionage belangen wird. Welche Motive die Katarer hierbei trieben, ist nicht klar.

Es wundert mich wirklich, dass Inacker nicht daran dachte, die richtige Frage zu stellen, nämlich: ob jemand mit meinem Hintergrund sich jemals wirklich aus seinem Beruf zurückzieht.

Jason G.

Inackers Anwalt schreibt, sein Mandant habe von Jason G. weder Geld bekommen noch Zahlungen an ihn geleistet. Doch es gibt zumindest einen Vertrag, der der Berliner Zeitung vorliegt – darin sind Provisionsleistungen vereinbart; Vertragsparteien sind die Beraterfirma „WMP EuroCom AG…vertreten durch Michael Inacker“ und eine Briefkastenfirma in der Karibik, hinter der wohl Jason G. steckt. Der Auftragnehmer, WMP, verfüge demnach „über weit verzweigte Kontakte und Beziehungen zu potenziellen Mandanten“. Der Auftraggeber, also G., „ist an der Entwicklung von Geschäftsbeziehungen in Katar interessiert“. Für alle Geschäfte, die WMP ihm vermittelt, sollen 20 Prozent fließen. Um was es bei den Geschäften gehen sollte, geht aus dem Dokument nicht hervor.

Jason G. geht davon aus, dass Inacker ihn für einen Geschäftemacher hielt, einen Ex-Agenten, der nun sein Wissen zu Geld machen will. „Es wundert mich wirklich, dass Inacker nicht daran dachte, die richtige Frage zu stellen, nämlich: ob jemand mit meinem Hintergrund sich jemals wirklich aus seinem Beruf zurückzieht“, sagt der Contractor.

Wenn man Jason G. glaubt, sollte er sein Wissen über Katars angebliche Machenschaften für sich behalten. Als Gegenleistung hätten die Katarer Geld angeboten. Das Schweigen soll 750.000 Euro wert gewesen sein.

Das soll der Deal gewesen sein, über den Jason G. mit Inacker in seinem Berliner Büro gesprochen hat. Inacker bestreitet dies, doch die Unterlagen, die der Berliner Zeitung vorliegen, stützen die Version des Contractors: Demnach schlägt Inacker eine Anwaltsfirma vor, die ein Stillschweigeabkommen aufsetzen könnte; das Dokument wurde später tatsächlich auch aufgesetzt, allerdings offenbar nie unterzeichnet.

Nach Informationen der Berliner Zeitung soll das Gespräch um die Einzelheiten des Deals mit Katar kreisen. Inacker soll einen Anteil von 300.000 Euro erhalten. „Ich möchte fair mit dir umgehen“, soll Jason G. zu ihm gesagt haben, „du hattest einen wesentlichen Anteil daran, dass der Kontakt zu dem Diplomaten zustande kommt.“

Inacker soll gesagt haben, wenn er ein Feind von Katar wäre, dann würde er die Geschichte an die Öffentlichkeit bringen, um die es hier geht. Die wäre, so der ehemalige Journalist Inacker, Stoff für die Seite 1 der Bild-Zeitung.