Wolfgang Kubicki verfügt über großes Selbstbewusstsein.
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BerlinSeriosität oder Unterhaltung, Reden oder Handeln, Kompromiss oder Konsequenz – Politik ist eine ständige Gratwanderung. Der FDP-Vize-Vorsitzende Wolfgang Kubicki blieb also durchaus im Bild, als er der jüngeren Politiker-Generation unlängst in einem Interview mit dem Tagesspiegel vorwarf, zu ängstlich zu sein, um, wie er sagte „auch mal klare Kante zu zeigen“. Was genau er damit meinte, ließ er offen.

Kubicki als Vorbild?

Da Kubicki aber bekanntermaßen nicht an geringem Selbstbewusstsein leidet, ist anzunehmen, dass er sich in dieser Angelegenheit selbst als Vorbild sieht. Schließlich ist es sein Markenzeichen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Kubicki wetterte gegen Merkels „Wir schaffen das!“ genauso wie gegen die neue SPD-Spitze oder das, was inzwischen oft abfällig „political correctness“ genannt wird.

Über seine Trink- und Flirtgewohnheiten unterrichtete er die Öffentlichkeit außerdem. Ob man das sympathisch oder überflüssig findet, ist am Ende eine Geschmacksfrage. Im Interview jedenfalls monierte Kubicki die geringe Bereitschaft der jüngeren Kollegen, „auch mal hart in die Debatte“ zu gehen. So gewinne man kein Profil.

Alt gegen jung

Nun ist die Politik ein Geschäft, das ohne Öffentlichkeit nicht funktioniert. Politiker müssen Aufmerksamkeit kreieren, das ist Teil ihres Berufs. Doch die genannten Beispiele zeigen, dass „klare Kante zeigen“ im Kubicki-Universum bedeutet, möglichst laut: „Ich bin dagegen!“ zu rufen. Dass das nicht reicht, um ein politisches Profil zu entwickeln, müsste einem Profi wie Kubicki eigentlich bewusst sein.
Alt gegen Jung, Baby-Boomer gegen Dauer-Praktikanten – dass sich die Generationen aneinander reiben, ist nicht nur normal, sondern evolutionär vermutlich vorgesehen.

Wolfgang Kubicki wird bald 68 Jahre alt, in die FDP eingetreten ist er mit 19. Er ist seit langem Abgeordneter und seit Oktober 2017 auch Bundestagsvizepräsident. Er hat sich das Recht verdient, seine Erfahrung weiterzugeben. Man darf allerdings bezweifeln, dass das funktioniert, indem er die potenziellen Nachfolger beleidigt.

Tatsächlich sind viele langgediente Politiker in ihren Äußerungen offenbar von der Angst getrieben, in die Belanglosigkeit abzugleiten. Schließlich ist Kubicki längst nicht der Einzige, der gegen den Nachwuchs schießt. Über SPD-Jungstar Kevin Kühnert etwa hat sich gefühlt schon jeder ältere Parlamentarier ausgelassen.

Andere Generationen-Regeln in Union

In der Union allerdings sind die Generationen-Regeln auf wundersame Weise außer Kraft gesetzt. CSU-Chef Markus Söder, selbst keine ganz zarten 53 Jahre alt, verlangte in der Bild am Sonntag, man möge das Regierungsteam verjüngen. Söder schlief als Jugendlicher unter einem Franz-Josef-Strauß-Poster. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor (27) sieht so aus, als freue er sich jeden Tag darauf, irgendwann 50 zu werden.

Und eine der progressivsten Stimmen in der Union ist Ex-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz. Der 73-Jährige liest seinen Parteifreunden regelmäßig die Leviten, wenn es um Klimawandel, Flüchtlingspolitik oder den Umgang mit Twitter geht. Von ihm könnte selbst Herr Kubicki noch einiges über klare Kanten lernen.