Klaus Reinhardt.
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Berliner Zeitung: Herr Dr. Reinhardt, wo stehen wir in der Corona-Pandemie?

Dr. Klaus Reinhardt: Die erste Welle ist mit ziemlicher Sicherheit zu Ende. Wir sehen das an der täglich rückläufigen Zahl an Neuinfizierten. Wir sehen das aber vor allem an der Belegung der Intensivbetten. Derzeit verfügen wir über rund 12.700 freie Intensivbetten. Damit sind wir weit von einer Überlastung des Gesundheitswesens entfernt. Für eine Entwarnung ist es natürlich viel zu früh, wir müssen diese Zahl immer genau im Blick behalten.

Berliner Zeitung: Die Belegung der Intensivbetten ist also der verlässlichste Indikator?

Reinhardt: So ist es. Sie ist der einzig verlässliche Indikator, und von diesem müssen wir unser Handeln leiten lassen. Gegenwärtig sehen wir, dass 40 Prozent unserer Intensivkapazität frei sind. Das heißt: Der Höhepunkt der Pandemie, dieser ersten Welle, den wir für Mitte Mai erwartet hatten, ist längst vorbei. Aus diesem Grund ist es gerechtfertigt und im Interesse der Patienten, dass Kliniken wieder mehr planbare Eingriffe vornehmen dürfen. Wir sind da auch sehr gut aufgestellt: Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat ein zentrales Register aller Intensivbetten eingerichtet. Hier kann jederzeit geprüft werden, wie viele Plätze noch frei sind. Ein Arzt kann auch sehen, wohin er einen Patienten schicken kann, wenn in der unmittelbaren Nähe kein Bett frei ist. Außerdem haben wir in Deutschland ein sehr gutes Netz von Haus- und Fachärzten. Sie können Infektionen früh erkennen und die Patienten angemessen behandeln und, wenn nötig, zum richtigen Zeitpunkt in Kliniken einweisen.

Berliner Zeitung: Welche Bedeutung haben andere Zahlen für die Beurteilung?

Reinhardt: Das ist sehr schwierig. Nehmen Sie die Zahlen der Neuinfizierten. Es kann sein, dass diese sehr stark steigen – aber nicht, weil mehr Menschen infiziert wurden, sondern weil mehr getestet wurde. Die Zahl ist also auch abhängig von der Testung. Ohnehin ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Die aktuell vorgestellte Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck legt nahe, dass sich deutschlandweit 1,8 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben könnten. Das wäre also der Faktor 10 zu den offiziellen Zahlen. Aber auch das sind angenommene Hochrechnungen, wenn auch nach gewissen wissenschaftlichen Standards.

Berliner Zeitung: Wird es eine zweite Welle geben, und wenn ja, wann?

Reinhardt: Das kann aktuell niemand seriös vorhersagen, weil wir über das Virus noch viel zu wenig wissen. Was wir aber sagen können: Wir haben organisatorisch viel aus der ersten Welle gelernt. Wir können die Intensivkapazitäten jederzeit wieder hochfahren. Die Politik sorgt allmählich für ausreichend Schutzkleidung und Masken für das medizinische Personal. Sollte die Epidemie wirklich noch einmal aufflackern, wären wir besser gerüstet.

Berliner Zeitung: Es gibt auch die These, dass man gegen das Virus gar keine Immunität entwickeln kann. Was sagen Sie dazu?

Reinhardt: Es widerspräche allen Erfahrungen mit Infektionserkrankungen, wenn sich eine solche Immunität nach durchgemachter Erkrankung oder Impfung nicht entwickeln würde. Wir wissen allerdings noch nicht, ob sich das Corona-Virus, wie die Influenza, nicht ständig durch Mutationen verändert. Aktuell kann man aber grundsätzlich sagen: Die virologischen Forscher arbeiten mit Tatsachen und medizinisch-wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeiten. Und wenn etwas nicht oder noch nicht bewiesen ist und es nur eine Annahme ist, dann sagen sie das auch so. Etwas anderes ist es, wenn selbsternannte Experten trotz der Tatsache, dass wir bisher naturgemäß über wenig gesichertes Wissen verfügen, Unsicherheit und Panik verbreiten und z.B. infrage stellen, dass eine Immunität überhaupt erworben werden kann.

Berliner Zeitung: Was halten Sie von der Idee eines Immunitätsausweises?

Reinhardt: Ich finde es richtig, dass der Gesundheitsminister jetzt den Druck rausgenommen und das Thema an den Ethikrat zur Begutachtung gegeben hat. Die entscheidende Frage wird sein, ob der Immunitätsausweis dazu dienen soll, Menschen mehr Sicherheit in sensiblen Arbeitsbereichen, z.B. Altenpflege, Krankenhaus, Schule, Physiotherapie etc. zu geben, oder ob man mit ihm Privilegien erwirbt – etwa, indem man die Abstandsregeln nicht mehr einhalten muss. Ich bin darüber hinaus sicher, dass wir mit dem Thema in der einen oder anderen Weise international befasst werden, etwa, wenn ein Land verfügt, dass man nur mit einem solchen Ausweis einreisen kann.

Berliner Zeitung: Wie lange werden wir noch mit den Corona-Einschränkungen leben müssen? Kann es sein, dass das noch Jahre dauert?

Reinhardt: Mit einer gewissen Flexibilität werden wir noch eine Weile mit den Maßnahmen leben müssen. Spätestens bis eine Impfung oder ein wirksames Medikament vorhanden ist.

Berliner Zeitung: Die Amerikaner testen Remdesivir mit kurzem Vorlauf. Wäre das auch für Deutschland sinnvoll?

Reinhardt: Ich halte es für sehr wichtig, dass dieses Medikament breit und schnell getestet wird – auch in Deutschland, und zwar im großen Stil. Meines Wissens laufen dazu an einigen deutschen Universitätskliniken entsprechende Studien.

Berliner Zeitung: Was halten Sie von der Maskenpflicht?

Reinhardt: Die Wirkung einer generellen Maskenpflicht ist wissenschaftlich hoch fragwürdig – und, wenn Sie mich persönlich fragen, kulturell ist sie definitiv nicht wünschenswert. Wenn ich in Berlin mit der U-Bahn fahre, sehe ich viele Menschen mit einer FFP 3-Maske mit Auslassventil. Das sind die Masken für medizinisches Personal. Mit dieser Maske schützt man sich selbst, gefährdet jedoch andere, weil der Atem in hochkonzentrierter Form freigesetzt wird. Auch bei den normalen Masken gibt es gesundheitliche Risiken: Man greift sie dauernd an, weil sie feucht werden und fasst sich dann mit den Fingern ins Gesicht. Das ständige Auf- und Absetzen in Geschäften und der Bahn birgt ebenfalls erhebliche Risiken. In der Summe richten sie womöglich mindestens so viel Schaden an, wie sie eventuell nutzen. Und kulturell finde ich es höchst fragwürdig und problematisch, wenn wir unser Gesicht voreinander verstecken. Kinder müssen im Kleinkindalter lernen, die Mimik der Erwachsenen zu lesen. Man weiß, dass sie schwere Entwicklungsstörungen erleiden können, wenn dies nicht möglich ist. Wir können uns nicht dauernd mit der Angst vor Keimverbreitung begegnen.

Berliner Zeitung: Überhaupt scheint die Angst ein großes Phänomen in der Krise gewesen zu sein?

Reinhardt: Ich erlebe in meiner eigenen Praxis eine eindeutige Zunahme der Menschen mit Angststörungen. Da sind völlig gesunde, sportliche Menschen plötzlich in einer andauernden Panik vor einer möglichen Corona-Infektion. Das liegt daran, dass über die besonders spektakulären Einzelfälle sehr breit berichtet wird – obwohl diese Fälle absolute Ausnahmen sind. Das verzerrt die Wahrnehmung in unangemessener Weise. Das hat bei vielen Menschen sehr viel Angst ausgelöst. Das gehört auf jeden Fall zu den Dingen, die wir nach dem Ende der Pandemie reflektieren müssen.

Zur Person: Dr. med. Klaus Reinhardt ist niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Bielefeld. Er ist Präsident der Bundesärztekammer.