Berlin - Schon im Treppenhaus duftet es nach Gewürzen, nach Grillfleisch, nach Gebackenem. Afrikanische Musik dringt nach draußen. Angekommen in der kleinen Wohnung in Berlin-Neukölln geht es zu wie im Taubenschlag.

Ständig klingelt es an der Tür. Gäste kommen, Gäste gehen. Es wird gelacht, getanzt, sich umarmt. Immer wieder stellt Gastgeberin Isatou Barry neue Köstlichkeiten auf den gläsernen Couchtisch: Kleine Teigtaschen mit Fischfüllung, Joghurt mit Couscous, Reis mit Hühnerfleisch, Zwiebeln und Oliven, Hähnchenkeulen, Lammrücken. Man isst gemeinsam von einer großen Platte, mit Löffeln oder einfach traditionell mit den Fingern. Seit sechs Uhr steht die Gambierin in der Küche. Heute soll es an nichts mangeln. Denn heute ist ein Festtag. 

Ein großes Fest für Baby Khalid

Vor sieben Tagen hat die 39-Jährige ihr viertes Kind zur Welt gebracht. Nach einem Brauchtum bekommt in Gambia – aber auch in vielen anderen muslimischen Ländern – an diesen Tag das Baby seinen Namen. Ngenté heißt die Zeremonie, bei der Freunde und Familie zusammenkommen, um die Geburt des Kindes feiern.

Der kleine Khalid liegt inmitten des quirligen Trubels gehüllt in einer weißen Spitzendecke auf dem Sofa und schläft. Er wird geküsst, geknuddelt, gestreichelt, herumgereicht. Isatou Barry strahlt. Wenn sie lacht, dann raschelt ihr rosafarbenes Kleid mit der grünen Spitze und den weiten Rüschenärmeln. Und heute lacht sie viel.

Drei von vier Frauen in Gambia durchleben grausames Martyrium

Doch Isatou Barry will heute nicht nur fröhlich sein. Da ist etwas, über das sie reden will. Denn dass es ihr kurz nach der Geburt so gut geht, ist alles andere als selbstverständlich. Wie viele andere Frauen in Afrika auch ist auch die junge Gambierin als junges Mädchen Opfer einer brutalen Genitalverstümmelung geworden. Drei von vier Frauen im Gambia durchleben dieses grausame Martyrium in jungen Jahren. 

Wenn die Mädchen nicht daran sterben, leiden sie ihr Leben lang an den Folgen: Blutungen, schmerzhafte Menstruationszyklen, Narbenbildung, Abszesse, chronische Infektionen, HIV/Aids, Unfruchtbarkeit, Traumata, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, beim Wasserlassen. Bei einigen Frauen kommt es bei der Geburt zu Komplikationen, an denen sie sterben können.

Aufklärung ist dringend notwendig

Darüber will Isatou Barry heute sprechen, aufklären, die Chance nutzen. Gerade heute, wo so viele afrikanische Freunde, Bekannte und auch Männer zu Gast sind. Hier in der Wohnung, in vertrauter Atmosphäre. Denn noch immer wird diese Praktik weltweit durchgeführt. Allein in Afrika sind jedes Jahr drei Millionen Mädchen dem Risiko einer Beschneidung ausgesetzt.

Doch das Problem ist mitnichten nur ein afrikanisches: Weltweit sind 140 Millionen Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass jedes zehnte Mädchen dieses Ritual nicht überlebt und ein Viertel später an den Langzeitfolgen stirbt.