Gentrifizierung: Denkmalgeschütztes Haus wird in München Giesing illegal abgerissen

München - Der Anblick verschlägt Ilse Mayer beinahe die Sprache. Immer wieder schaut sie kopfschüttelnd auf den Schutthaufen, der von dem denkmalgeschützten Haus geblieben ist. Hinter einem Gitter türmen sich die Überreste des sogenannten Giesinger Uhrmacherhäusls, das hier seit 1840 bis zum 1. September stand.

In den Zaun mit dem rot-weißen Absperrband sind Sonnenblumen gesteckt, auf einer handgeschriebenen Todesanzeige steht: „Obere Grasstr. 1 – Durch gewissenlose Grundstücksspekulanten zu Tode gekommenes unwiederbringlich zerstörtes Stück Obergiesinger Heimat. Die trauernden Nachbarn.“ Ilse Mayer, 74, die früher gleich ums Eck wohnte und nun mit dem Fahrrad vorbeigekommen ist, um sich selbst ein Bild von der Zerstörung zu machen, sagt: „Das tut richtig weh.“ Ihr Mann Heinrich, 79, ergänzt: „Das ist schon kriminell.“

Fassungslos wie die Mayers reagieren die meisten, und allein die Vielzahl der Menschen, die sich in der abseits gelegenen kleinen Straße des Münchner Arbeiterviertels Giesing noch immer tagtäglich einfinden, erzählt von dem großen Unbehagen, das der illegale Abriss des denkmalgeschützten Hauses bei den Passanten auslöst. Viele erkennen in der Tat ein besonders dreistes Beispiel für das rücksichtslose Vorgehen von Investoren und das ungebremste Fortschreiten der Gentrifizierung.

Bei Beckenbauer um die Ecke

Was hier passiert ist, als ein Bagger am Freitag vor einer Woche anrückte und das Haus dem Erdboden gleichmachte, klingt wie ein schlecht erfundenes und kaum glaubhaftes Kriminalstück. Bereits am Vortag war es zu einem ersten Versuch gekommen. Das hatten die herbeigeeilten Anwohner mit Hilfe der sofort gerufenen Polizei noch verhindern können.

Am Tag danach aber ging alles so schnell, dass kein Einschreiten mehr möglich war. Zwei Männer seien mit einem gemieteten Bagger gekommen, an den Nebenstraßen hätten Komplizen Schmiere gestanden, erzählen Augenzeugen. Nach nur neun Minuten war nichts mehr übrig von dem Uhrmacherhäusl. Die Täter ließen den Schutt auf der Straße liegen, den Bagger einfach stehen und flüchteten zu Fuß. Die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk mussten anrücken, um die Straße wieder freizulegen und die Abrissstelle notdürftig zu sichern. Erst drei Tage später wurde der Bagger von der Verleihfirma vom Tatort Uhrmacherhäusl abgeholt.

Seit jenem Freitag, als sich die schon seit längerem bestehenden Befürchtungen der Anwohner bestätigten, kocht die Wut hoch in Giesing. Wie bei Marco Gariboldi, 29, der sich einer Bürgerinitiative angeschlossen hat, um den Protest zu formieren. Gariboldis Großmutter gehört das Haus gleich hinter der Abbruchstelle. Im Blick hat er seit langem die Vorgänge rund um das Gebäude, in dem bis vor zwei Jahren ein Uhrmacher lebte und arbeitete. „Das ist hochgradig kriminell“, sagt er über den illegalen Abriss. Dass zunächst von einem „Unfall“ die Rede war, halten die Anwohner für lachhaft. Sie glauben, es sollten schlicht Fakten geschaffen werden.

Bußgeld von maximal 250.000 Euro

Anfang August hatten sie ein Schreiben des inzwischen abgetauchten Eigentümers Andreas S. aus Neuried erhalten. Daraus ging hervor, dass das alte Handwerkerhaus saniert und „aus Gründen des Denkmalschutzes nach außen wie vorhanden erhalten“ werden solle.

Als kurz vor dem Abriss eine Dachabdeckung angebracht worden war, habe alles nach Vorbereitungsmaßnahmen einer ganz normalen Sanierung ausgesehen. Dann kam der Bagger. „Die Sanierungspläne waren nur vorgeschoben“, sagt Gariboldi, und er fürchtet: „Andere kommen wegen Kleinigkeiten ins Gefängnis. Hier wird nichts passieren, und die schieben sich noch zwei Millionen Euro Gewinn rein.“

Es ist jene Befürchtung, die auch seine Mitstreiter umtreibt. Denn an der Stelle des seit rund einem halben Jahr leerstehenden kleinen Hauses, das als Teil der sogenannten Feldmüllersiedlung mit vielen anderen kleinen Handwerkerhäuschen auch unter Ensembleschutz stand, solle nun ein Mehrfamilienhaus entstehen, das viel Gewinn abwirft, vermuten die Anwohner. Trotz der drohenden Strafe, die nach dem Denkmalschutzgesetz ein Bußgeld von maximal 250.000 Euro vorsieht und nach der bayerischen Bauordnung bis zu 500.000 Euro.

Gentrifizierung schreitet rasend voran

Die historische Feldmüllersiedlung aus Mitte des 19. Jahrhunderts prägt das Viertel nach wie vor. Als Giesing noch ein Dorf vor den Toren Münchens war, lebten hier in den ein- bis zweigeschossigen Kleinhäusern Arbeiter und Handwerker. Es waren jene Menschen, die für Giesing noch bis weit ins vergangene Jahrhundert standen. Der Verein TSV 1860 München ging aus diesem Viertel hervor. Franz Beckenbauer, der berühmteste Fußballer, den das Land hervorgebracht hat, wuchs nur ein paar Ecken weiter in der Zugspitzstraße auf.

Zwar gilt Giesing weiterhin als eines jener zentrumsnahen Viertel der teuersten Stadt Deutschlands, in dem sich noch vergleichsweise günstiger Wohnraum finden lässt. Doch die Gentrifizierung schreitet im beengten München mit besonderer Rasanz voran und hat längst auch Giesing erreicht. Kleine Häuser mit wenig Wohnraum stehen dem Gewinnstreben von Investoren bei den explodierenden Grundstückspreisen nur im Wege.

Dass der Eigentümer, der die CSH Baubetreuung GmbH offenbar mit dem Abriss beauftragt hatte, mit diesem Plan durchkommt, will die Bürgerinitiative nun verhindern. Monika Maier, 51, hat sich an die Spitze der Bewegung gestellt. Sie wohnt seit 13 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft des alten Uhrmacherhäusls, sie war Augenzeugin des ersten Versuchs und des tatsächlichen Abrisses am Tag darauf.

„Wir werden nicht nachlassen“

Und sie war es auch, die die Todesanzeige am Absperrzaun anbrachte, Trauerkerzen aufstellte und eine Unterschriftenliste auslegte, auf der sich inzwischen schon viele hundert Menschen eingetragen haben, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Es wurde ein Fackelumzug abgehalten, am vergangenen Freitag an der Abbruchstelle erstmals eine Mahnwache. Sie soll nun jeden Freitag um 18 Uhr stattfinden.

Eine Facebook-Seite wurde eingerichtet, sogar einen Wikipedia-Eintrag gibt es zu dem Fall. 1000 Handzettel wurden gedruckt und werden verteilt, Plakate in den Geschäften Giesings ausgehängt. Traditionsbewusste Fans des TSV 1860 veranstalteten mehrere Protestaktionen. Zudem wollen die Nachbarn Klage gegen den Abriss einreichen. „Wir stellen uns gerade so auf, dass wir einen langen Atem haben“, sagt Maier, „wir werden nicht nachlassen – das ist die Botschaft.“

Für sie geht es um weit mehr als um das Uhrmacherhäusl und dessen ins Gespräch gebrachten Wiederaufbau. Ihr ist bewusst, dass es weitreichendere Beispiele für die voranschreitende Gentrifizierung gibt, in München und anderen Großstädten. „Aber hier ist es die Symbolkraft, die eine besondere Wucht entfaltet“, sagt Maier. Sie erkennt in dem „kriminellen Akt der brutalen Zerstörung“ und in dem bisher einmaligen Vorgang „das Potenzial zu etwas Größerem“. Sie sagt: „Für mich ist es ein Präzedenzfall für die ganze Stadt – und vielleicht für die ganze Bundesrepublik.“

Brachial gewinnt

Es sind grundsätzliche, gesellschaftspolitische Fragen, für die Maier sensibilisieren und mobilisieren will. „Es muss ein Zeichen gesetzt werden, dass sich so etwas nicht lohnt. Die Empörung muss sich in Entscheidungen niederschlagen“, fordert sie von der Politik. Maier greift jene Frage auf, die sie in einem Zeitungskommentar gelesen hat: „Wem gehört die Stadt?“ Das treffe es ziemlich genau, findet Maier, und für sie stellen sich auch weitere Fragen: „Wie geht man in der Gesellschaft miteinander um? Setzen sich diejenigen mit der größten Brachialität wirklich immer durch?“

Die große Unterstützung aus der Bevölkerung interpretiert sie als Zeichen, „dass das Maß einfach voll ist“. Auch die Signale, die sie bisher aus der Politik quer durch alle Fraktionen vernommen hat, klingen für Maier ermutigend. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, SPD, bezeichnete den Fall als „Skandal“ und versprach, man werde „mit aller Härte gegen die Verantwortlichen vorgehen“.

Maier und ihre Mitstreiter hoffen, dass dieser Ankündigung Taten folgen werden. Sie weiß aber auch, dass ihre Idee, nach einem Wiederaufbau ein Begegnungszentrum oder ein Museum zu errichten, kaum realistisch ist. Maier sagt: „Das Problem ist, dass sich so etwas nicht rechnet – nicht für die Stadt und nicht für den Investor.“