Berlin - Nach der Weigerung des türkischen Islamverbandes Ditib sowie des Islamrates, an der für Samstag in Köln geplanten Kundgebung gegen islamistischen Terror teilzunehmen, gibt es parteiübergreifend Kritik. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stephan Mayer, sagte dieser Zeitung: „Ich halte das für höchst bedauerlich und sehr kontraproduktiv. Die beiden Verbände lassen eine wichtige Chance verstreichen, Solidarität mit den anderen Verbänden und der deutschen Gesellschaft zu zeigen in einer Zeit, in der das zu recht von dieser Gesellschaft erwartet wird. Das ist kein Zeichen von gesellschaftspolitischer Verantwortung.“

Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, erklärte: „Ich finde die Absage bedauerlich. Ditib und der Islamrat hätten gemeinsam mit vielen anderen Muslimen, Christen, Juden und Konfessionslosen in Deutschland ein Zeichen gegen Terror und Hass und für Weltoffenheit und Toleranz setzen können. Diese Chance haben sie verpasst.“ Die Absage auch noch mit der vorgeblichen Mittagshitze zu begründen, sei mehr als kleinkariert. Ditib habe sich „damit als ernsthafter Gesprächsteilnehmer selbst disqualifiziert“. Lischka fügte hinzu: „Der Wetterbericht sagt im Übrigen für Köln 24 Grad und bedeckten Himmel voraus. Also bestes Demo-Wetter.“

Ditib: „Das ist das falsche Zeichen”

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck beklagte, Ditib habe sich mit der Kritik an der Kölner Kundgebung „als Teil der Zivilgesellschaft abgemeldet“. Der Verband werde „immer mehr zum Problembären der islamischen Verbändelandschaft“. „Wer als Religionsgemeinschaft die Millionen Muslime in Deutschland repräsentieren will, muss auch seine gesellschaftliche Verantwortung annehmen“, so Beck. Dazu seien „die Ditib-Strukturen nicht in der Lage“.

Ditib hatte in einer Erklärung unter anderem fehlende gemeinsame Vorgespräche bemängelt. Forderungen nach „muslimischen Anti-Terror-Demos“ griffen zu kurz. Diese würden Muslime stigmatisieren und den internationalen Terrorismus auf sie verengen. „Das ist der falsche Weg und das falsche Zeichen, denn diese Form der Schuldzuweisung spaltet die Gesellschaft“, unterstrich der Verband, der auch Mitglied im Koordinierungsrat der Muslime ist.

Wörtlich heißt es dann, „am 22. Tag des Ramadan, an dem in Köln von 3:47 Uhr bis 21:55 Uhr gefastet, also nichts gegessen und getrunken wird“, sei „es den fastenden Muslimen schlichtweg nicht zumutbar, stundenlang in der prallen Mittagssonne bei 25°C zu marschieren und demonstrieren“.

Ditib wegen Einfluss der Türkei in der Kritik

Der Verband begrüße zwar öffentlich wirksame Aktionen, lehne „jedoch die Art und Weise, wie dieser angekündigte Marsch organisiert wurde, ab“. Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga hatte in der vergangenen Woche noch Unterstützung für die geplante Demonstration geäußert und auf die ausstehenden Beratungen im Vorstand verwiesen. Ditib steht unter dem Einfluss der Türkei und deshalb unter wachsendem Druck aller Parteien in Deutschland.

Während der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime und derzeitige Sprecher des Dachverbandes Koordinierungsrat der Muslime, Aiman Mazyek, in der Rheinischen Post mahnte, „wir müssen weiter auf die Straße gehen, uns zeigen, für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und den Frieden kämpfen und den Extremismus verurteilen“, lehnte der Islamrat die Beteiligung an der Demo ebenso wie Ditib an. Dessen ehemaliger Vorsitzender Ali Kizilkaya schrieb auf Twitter, „populistische Alleingänge und Aktionismus sind keine Haltung. Aktionen auf Bestellung schon gar nicht".

Angestoßen wurde die Demonstration am Samstag in Köln unter dem Motto „Nicht mit uns“ von der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und dem durch einen Facebook-Post bekanntgewordenen muslimische Friedensaktivisten Tarek Mohamad. Aufgerufen zur Teilnahme seien alle Menschen egal welcher Glaubensrichtung, um ein „mächtiges Zeichen gegen Gewalt und Terror“ zu setzen, erklärten sie. Zu dem Friedensmarsch werden etwa 10.000 Teilnehmer erwartet. Zu den zahlreichen Einzelunterzeichnern des Aufrufs zählen zudem führende Politiker von CDU, SPD, Grünen, Linken und FDP ebenso wie der Schriftsteller Navid Kermani und die Fernsehmoderatorin Nazan Eckes.