Archivbild der „Alan Kurdi“. An Bord des 38 Meter langen Schiffs sind mehr als 160 Menschen. 
Fabian Heinz/Sea-Eye/dpa

Berlin - Nachdem die Lage auf dem im Meer vor Palermo blockierten deutschen Flüchtlingsrettungsschiff „Alan Kurdi“ zuletzt immer dramatischer geworden war, sollen die Migranten nun endlich von Bord geholt werden. Das italienische Verkehrsministerium teilte am Donnerstag mit, die bereits vor fünf Tagen angekündigte Verlegung der Geretteten auf ein größeres Schiff solle am Freitagmorgen stattfinden.

Angstzustände nach Haft in Libyen

Zuvor mussten drei der 149 Migranten in einer nächtlichen Aktion von der italienischen Küstenwache an Land gebracht werden. Ein 24 Jahre alter Mann hatte einen Suizidversuch unternommen, wie die Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye mitteilte. Der Schiffsärztin zufolge litt er nach Gewalterfahrungen in einem libyschen Gefängnis an Angstzuständen. Einem anderen Mann habe die Situation so zu schaffen gemacht, dass er sich immer stärker selbst verletzte.

„Die Menschen sind total verzweifelt“, sagte Einsatzleiter Jan Ribbeck am Donnerstag. Als sich die italienischen Boote näherten, hätten einige von ihnen Anstalten gemacht, ins Wasser zu springen, um sie zu erreichen. „Sie ließen sich kaum beruhigen.“

166 Menschen auf engstem Raum

Seit elf Tagen harren die vor der Küste Libyens Geretteten und die 17-köpfige Besatzung auf engstem Raum auf der „Alan Kurdi“ aus. Zwar werden sie von Italien mit Lebensmitteln versorgt. „Aber es gibt keine Privatsphäre, kaum Platz, das zermürbt“, sagte Sea-Eye-Sprecher Julian Pahlke dieser Zeitung. „Es ist kein Ort für Menschen, die auf der Flucht sind.“ Auch die Ungewissheit mache den Migranten zu schaffen.

Italien und Malta haben wegen der Corona-Pandemie ihre Häfen für Schiffe privater Seenotretter geschlossen. Italien will die Geretteten der „Alan Kurdi“ nun statt an Land auf ein Fährschiff mit 500 Kabinen bringen. Dort sollen sie vom Italienischen Roten Kreuz medizinisch betreut und unter Quarantäne gestellt werden. Bis zum Donnerstagnachmittag war der Zeitpunkt der Verlegung völlig unklar gewesen.

Ein weiteres Rettungsschiff mit etwa drei Dutzend Geflüchteten wartet derweil vor der italienischen Insel Lampedusa. Die „Aita Mari“ der spanischen Hilfsorganisation Salvamento Maritimo Humanitario hatte am Ostermontag 43 Menschen aus einem sinkenden Schlauchboot geholt. Sieben der Geflüchteten durften inzwischen an Land, darunter eine dreiköpfige Familie.

„Die Corona-Krise ist keine Rechtfertigung“

Die Menschenrechtskommissarin des Europarats, Dunja Mijatovic, verlangte am Donnerstag, die Seenotrettung von Migranten müsse trotz der Coronakrise weiterlaufen, Überlebende müssten in sichere Häfen gebracht werden. Dass Italien und Malta ihre Häfen geschlossen halten, habe die bereits bestehenden Probleme der Seenotrettung noch weiter verschärft. Auf Notrufe von Migranten auf See müsse aber unverzüglich reagiert werden. „Die Covid-19-Krise kann keine Rechtfertigung dafür sein, Menschen wissentlich ertrinken zu lassen“, mahnte Mijatovic.