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In Straßburg geklagt haben 15 Polen. Es sind die Söhne und Töchter, Enkel und Ehegatten einiger Opfer von Katyn und von weiteren Massakern, die die Sowjets 1940 an der polnischen Elite verübten. Sie werfen Russland nicht nur vor, die Ermittlungen zu den Erschießungen verschleppt zu haben. Sie fordern auch Einsicht in die Akten, die Russland auch 72 Jahre nach den Gräueltaten noch immer zu einem Großteil geheim hält. Sie wollen wissen, wie ihre Verwandten starben und wo sie begraben liegen. Und sie fordern die Rehabilitierung der Ermordeten durch die russische Regierung.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gibt ihnen Recht. Er verurteilte am Montag Russland wegen „menschenunwürdiger Behandlung“ von Angehörigen der Massaker-Opfer. Die Straßburger Richter rügten Moskau auch dafür, nicht genug mit dem Gericht zusammengearbeitet zu haben. Die russischen Behörden hatten sich geweigert, Ermittlungsakten über das Massaker nach Straßburg zu überstellen. Die Richter in Straßburg sahen jedoch keinen Grund für die Geheimhaltung.

"Kaltherzige Missachtung" seitens der Russen

Die russische Justiz habe zudem die Anträge der Angehörigen auf Information über die Todesumstände und auf Rehabilitierung ihrer Familienmitglieder schroff abgewiesen, hieß es in der Urteilsbegründung. Das Gericht zeigte sich "entsetzt von dem offensichtlichen Widerwillen der russischen Behörden, die Realität des Massakers von Katyn anzuerkennen". Diese hätten eine "kaltherzige Missachtung" für die berechtigten Bedürfnisse der Betroffenen gezeigt.

Ob die russische Seite die Umstände des Massenmordes ausreichend ermittelt hat, vermochte das Gericht nach eigener Überzeugung nicht zu beurteilen, weil der Zeitpunkt der Massaker deutlich vor Russlands Beitritt zur Menschenrechtskonvention liegt.

Es ist ein heikles Thema, über das der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entscheiden musste. Schließlich gehören die Gräueltaten von Katyn zum großen Trauma der Polen und belasten das polnisch-russische Verhältnis bis heute schwer. Bei den Massakern starben 21.857 Menschen, die meisten von ihnen polnische Offiziere, Großbauern, Industrielle, Amtsträger und politische Funktionäre. Die genaue Zahl geht aus einer Notiz des Geheimdienstes KGB an den einstigen Staatschef der Sowjetunion, Nikita Chrustschow, aus dem Jahre 1959 hervor.

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