Berlin - Den Job verlieren, im Alter verarmen, schwer erkranken? Alles Szenarien, vor denen es den Deutschen graut.

Deutlich größere Angst aber haben sie zurzeit vor Terrorismus, politischem Extremismus und Spannungen durch den Zuzug von Flüchtlingen. Dies geht aus der 26. Auflage der jährlichen Studie der R+V Versicherung „Die Ängste der Deutschen“ hervor.

Nur im letzen Jahr mehr Angst vor Terror

Die Studie zeigt: Nach den Anschlägen in Berlin und anderen europäischen Metropolen treibt die Deutschen vor allem die Sorge um Sicherheit um. Unverändert fürchten sie sich vor terroristischen Angriffen am stärksten: 71 Prozent der Befragten äußerten ihr Unbehagen in dieser Frage. Nur im vergangenen Jahr fiel die Angst vor Terror noch größer aus.

Für die diesjährige Auflage der repräsentativen Studie befragten die Versicherer rund 2400 Menschen ab 14 Jahren nach 20 Ängsten. Besonders auffällig ist, dass ein vermeintliches Paradoxon die Stimmung der Deutschen prägt. Wirtschaftlich geht es ihnen gut, ihre Jobs scheinen sicher.

„German Angst“

Nie plagte sie die Angst um Arbeitslosigkeit weniger. Nie sorgten sie sich weniger, dass sich die wirtschaftliche Lage im Land verschlechtert. Und trotzdem sind die Deutschen weiterhin überdurchschnittlich besorgt.

Generell gilt: Angst ist ein Gefühl, keine rationale Regung. Angst zu verspüren, ist ein menschlicher Urinstinkt. Bei den Deutschen gilt er als besonders ausgeprägt. „German Angst“ haben ausländische Kommentatoren das einst genannt: eine generelle Angststörung, ein diffuses Grundrauschen des Unbehagens, das Land und Leute präge.

Angst der Deutschen als Spiegel der Zeit

Die aktuelle Studie des Versicherers will diese Beobachtung widerlegen. Ihre Botschaft: Die Deutschen haben Angst. Und sie fürchten sich überdurchschnittlich viel – auch im Jahr 2017.  Aber es graut ihnen nicht grundsätzlich, aus Prinzip oder aus ihrem kulturellen Gedächtnis heraus. Ihre Ängste wandeln sich.

Sorgen um die innere Sicherheit statt um den eigenen Job und die Wirtschaftslage: Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass die Angst der Deutschen als Spiegel der Zeit gelesen werden kann. Als Reaktion auf die politische Großwetterlage.

„Die Ängste der Deutschen haben einen sehr realen Kern.“

Und die „German Angst“? Ein Mythos. „Anders als behauptet, sind die Deutschen kein Volk der Angsthasen – das ist eine Fehldiagnose“, betont Manfred G. Schmidt. Ja, sagt der Politologe der Universität Heidelberg, die Deutschen bewege die Suche nach Sicherheit besonders stark.

Und trotzdem glaubt er: „Die Ängste der Deutschen haben einen sehr realen Kern.“ Der Professor spricht von etwas, das man auch als Realismus der Angst bezeichnen könnte. Die Deutschen sorgten sich, wenn es reale Gründe dafür gibt. Und die, sagt Schmidt, gebe es momentan zur Genüge.

Deutlich mehr Deutschen graut es in diesem Jahr etwa vor Naturkatastrophen. Mehr als jeden zweiten Befragten beschäftigt diese Angst laut Studie. Auch die Sorge vor Schadstoffen in Lebensmitteln ist gewachsen – und das obwohl die Umfrage durchgeführt wurde, bevor der jüngste Lebensmittelskandal um die mit Fipronil belasteten Eier öffentlich wurde.

Ein Drittel der Deutschen fürchtet sich vor Trump

Weiterhin treibt die Deutschen die Schuldenkrise in einigen Mitgliedsländern der Europäischen Union um. Mehr als die Hälfte der Befragten befürchtet, dass die deutschen Steuerzahler für überschuldete Länder zahlen müssen.

Kurz vor der Bundestagswahl ist dagegen die Furcht vor einer Überforderung der deutschen Politik um zehn Prozentpunkte gesunken. Dennoch haben 55 Prozent der Befragten Zweifel daran, dass die Politiker ihren Aufgaben gewachsen sind. „Die Angst vor einem Kontrollverlust des Staates ist weiterhin groß und manifestiert sich auch in der Beurteilung der Politiker“, sagt Schmidt.

Vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung sorgen sich 46 Prozent der Befragten. Weitaus gelassener beobachten die Deutschen die Entwicklungen in den USA unter Präsident Donald Trump. Nur ein Drittel der Befragten befürchtet, dass Deutschland mit den USA unter Trump einen wichtigen Bündnispartner verlieren könnte.

Politologe Schmidt vermutet: „Das dosierte Einschlagen der deutschen Politik auf Trump wirkt womöglich beruhigend auf die Deutschen.“