An diesem Freitag, dem zweiten Jahrestag des Absturzes einer Germanwings-Maschine will die Familie des verantwortlichen Copiloten Andreas Lubitz ein Gutachten vorlegen, das ihn von seiner Schuld freisprechen soll. Elmar Giemulla, Anwalt von Angehörigen der Opfer, bezeichnet die Aktion als „unverantwortlich und geschmacklos“.   

Eltern wollen neues Gutachten vorlegen

Der Airbus A320 stürzte am 24. März 2015 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf gegen 10.40 Uhr in den südfranzösischen Alpen ab. 150 Menschen starben. Für Unfallforscher und die Justizbehörden besteht kein Zweifel, dass  Andreas Lubitz den Absturz gezielt herbeigeführt hat.  Sein Vater Günter Lubitz will am Freitag von 10.30 Uhr an im Berliner Maritim-Hotel ein neues Gutachten über das Unglück präsentieren. Der Einladung ist zu entnehmen, dass der Vater Zweifel hat an der „Annahme des dauerdepressiven Copiloten, der vorsätzlich und geplant in suizidaler Absicht das Flugzeug in den Berg gesteuert haben soll.“ Die Familie sei „der festen Überzeugung, dass dies so nicht richtig ist“.

Autor des Gutachtens ist Tim van Beveren, der die 17.000 Seiten umfassenden Ermittlungsakten ausgewertet, eigene Recherchen angestellt habe und „vernachlässigten Aspekten“ nachgegangen sei, heißt es in der Einladung. Van Beveren ist nach den Angaben auf seiner Website Journalist und Autor sowie „Berater für Flugsicherheitsfragen“. Als „Spezialkenntnisse“ zählt er auch Pilot auf. Zudem wird auf  van Beverens Internetauftritt  erwähnt, dass er Gutachter für die Staatsanwaltschaft Frankfurt in Zusammenhang mit einem Absturz einer Birgenair-Maschine in der Dominikanischen Republik im Jahr 1996 war. Van Beveren hat sich mehrfach und intensiv mit dem höchst umstrittenen Thema der vergifteten Luft in Flugzeugcockpits befasst und darüber auch einen Dokumentarfilm gedreht.  

Experte nennt mögliche andere Gründe für Absturz

Am Tag des Absturzes und danach gab er zahlreiche Fernsehinterviews. Damals äußerte er die Vermutung, dass der Crash womöglich durch falsche Daten von vereisten Sensoren ausgelöst wurde – einen derartigen Vorfall, der allerdings glimpflich ausging, hatte es einige Wochen zuvor bei einem Airbus  A320 der Lufthansa gegeben.  In Pilotenkreisen machte seinerzeit eine Verschwörungstheorie die Runde, derzufolge die deutschen und die französischen Behörden die Version vom erweiterten Suizid schon sehr frühzeitig verbreitet haben sollen, um angebliche technische Probleme beim deutsch-französischen Flugzeugbauer Airbus zu vertuschen.

Diese Version ignoriert allerdings zahlreiche zweifelsfrei festgestellte Fakten – etwa dass Lubitz den Kapitän aus dem Cockpit ausgesperrt hat, um den Sinkflug einzuleiten, der dann zum Absturz führte. Der renommierte Luftfahrt-Psychologe Reiner Kemmler und andere Experten gehen davon aus, dass Andreas Lubitz unter einer schweren psychischen Störung gelitten hat. 

Anwalt Giemulla sagte indes dieser Zeitung, er könne nachvollziehen, dass es für den Vater schwer sei, die tragischen Ereignisse zu verarbeiten.  „Mir fehlt aber jedes Verständnis dafür, dass das Gutachten zwei Jahre danach exakt zu der Stunde präsentiert werden soll, als das Flugzeug abstürzte. Das ist brutal“. Und er fügt hinzu: „Herrn Lubitz geht es offenbar um die Show und darum seinen Sohn von jeglicher Schuld freisprechen zu wollen.“ Für viele Angehörige von Opfern bedeute die Präsentation des Gutachtens eine enorme Belastung.

Gedenk-Gottesdienst am Jahrestag geplant

Die Germanwings-Mutter Lufthansa organisiert am Freitag für die Angehörigen zum zweiten Mal ein Treffen in dem südfranzösischen Ort  Le Vernet - er liegt in der Nähe der Absturzstelle. Ein Gottesdienst in der Kathedrale der benachbarten Stadt Digne-les-Bains ist ebenfalls geplant. Während einer Gedenkfeier soll außerdem ein Denkmal enthüllt werden, das nach Medienberichten auf Wunsch der Angehörigen in den vergangenen Wochen von dem Bildhauer Jürgen Batscheider gestaltet wurde. Bei dem Unglück wurden auch 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums im westfälischen Haltern getötet. In der Schule soll den Opfern am Freitag mit fünf Schweigeminuten gedacht werden.