Wie verzweifelt muss jemand sein, diese Form des Suizids zu wählen?

Es handelt sich hierbei um einen erweiterten Suizid. Derjenige der sich töten möchte, nimmt eine oder mehrere andere Personen mit in den Tod. Ein Beispiel hierfür ist eine todkranke Frau und ihr Partner. Er will nicht allein weiterleben. Er bringt erst die Frau und dann sich um. Oder eine Mutter, die schwer depressiv ist, tötet erst ihr Kind, um es aus ihrer Sicht zu retten und dann sich. Das ist pseudoaltruistisch.

Davon kann man im Fall des Copiloten aber nicht sprechen.

Das stimmt. So ein Fall ist auch sehr selten und eine sehr aggressive Form eines erweiterten Suizids. Ähnlich handeln Geisterfahrer, die in suizidaler Absicht auf die Autobahn rasen und den Tod ihnen fremder Menschen in Kauf nehmen.

Was kann der Copilot für ein Motiv gehabt haben, sich in dieser Form umzubringen?

Da über den konkreten Fall bislang wenig bekannt ist, kann ich auch nur spekulieren. Möglicherweise hatte der Copilot eine akute Psychose, die in einer schweren suizidalen Krise endete, wo er unbedingt andere Menschen miteinbeziehen wollte. Er hat sich vielleicht bedroht gefühlt und ist dann völlig erstarrt, hat nichts mehr gesagt, nicht mehr reagiert, sodass er die anderen Menschen auch nicht mehr wahrgenommen hat. Oder er hatte ein starkes Rachemotiv, das heißt, dass er das eigene Nicht-Mehr-Leben-Wollen und Nicht-Mehr-Leben-Können in Aggression gegen andere gewendet hat.

Für die Angehörigen ist doch diese Ursache des Absturzes besonders schwer zu akzeptieren.

Wenn ein technisches Versagen die Absturzursache war, dann wird es eher als Schicksal hingenommen, als wenn es menschliches Versagen war. Da fällt das Verzeihen viel schwerer. Therapeuten sind aber keine Richter über die Schuldfrage.

Interview: Annett Otto