Ein Plakat mit der Aufschrift "dritte Option"
Foto: Jan Woitas/ZB/dpa

BerlinIch bin ein nicht-binärer Mensch. Das heißt, dass ich mich weder als Frau, noch als Mann kategorisieren lassen will. Betrachtet man die vielfältige Gesellschaft, stellt man fest, dass die Geschlechtersituation immer noch einfältig ist. Die allermeisten Menschen leben als Mann oder Frau. Das Geschlecht wird bei der Geburt festgelegt und in die Unterlagen eingetragen. Von da an leben Menschen in der Regel ein Leben lang damit. 7,6 Milliarden Menschen und zwei Geschlechteroptionen? Das klingt nach wenig Auswahl.

Die Option „divers“: Ein lange überfälliger Fortschritt

Dabei ist eine Frau bestimmt nicht wie die andere, ein Mann bestimmt nicht wie der nächste. Seit kurzem gibt es für Intersex-Geborene (Menschen, die mit Genitalien geboren sind, die sich nicht eindeutig als männlich oder weibliche einordnen lassen) die offizielle Option „divers“. Ein lange überfälliger und trotzdem nur sehr kleiner Fortschritt. Was ist mit Menschen, die mit eindeutigen Genitalien geboren sind, sich aber nicht  entsprechend definieren wollen oder können, weder gesellschaftlich noch körperlich? 

BLZ/Tagesspiegel/BpB
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Viele dieser Menschen verstehen sich als nicht-binär oder transsexuell. Eine solche Person hat nicht die Möglichkeit, im Pass „divers“ eintragen zu lassen. Das geht nur, wenn man als intersex geboren worden ist. Und für transsexuelle Menschen dauert es etwa zwei Jahre und kostet bis zu 3000 €, Geschlecht und Vornamen in amtlichen Dokumenten ändern zu lassen.

Die Liste an praktischen Schwierigkeiten ist lang

Bis heute muss ein Gerichtsverfahren durchgeführt werden, um die Änderung zu erstreiten. Zwei unabhängige psychiatrische Gutachter müssen „Transsexualismus“ diagnostizieren; als wäre das eine Krankheit. Verzichten transsexuelle Personen auf dieses Verfahren, zum Beispiel aus finanziellen Gründen, entstehen üble Komplikationen am Flughafen, bei der Jobsuche oder bei amtlichen Pflichtgängen.

Die Liste an praktischen Schwierigkeiten ist lang, wenn das Aussehen nicht mit dem Geschlecht im Pass übereinstimmt. Ganz zu schweigen von den Diskriminierungen im Alltag. Es wäre mit viel weniger Diskriminierung verbunden, wenn man das Geschlecht einfach wie die Adresse ändern könnte.

Geschlecht und das Problem mit der Sprache

Auch in der Sprache findet eine permanente Geschlechterzuordnung statt. Wo es im Englischen die grammatikalisch korrekte Möglichkeit gibt they/them als geschlechterneutrales Pronomen zu nutzen, gibt es diese in der deutschen Sprache nicht.   Auch ein Problem für Menschen,  die weder das Pronomen ER, noch SIE nutzen wollen. Bis heute muss in Deutschland mindestens ein Vorname geschlechtseindeutig sein. Dabei wäre es doch viel schöner, wenn das von Anfang an keine Relevanz hätte. 

Xenia von Uexküll ist Dragperformer*in in Berlin und tritt als xixinthemorning auf.
Foto: Alina K. Schneider

Kinder sollten lernen, dass Geschlechtsorgane nicht mehr Bedeutung haben, als unterschiedliche Haarfarben. Dann gäbe es nicht das Problem, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt werden. Ebenso würden gesellschaftliche Erwartungen an die verschiedenen Geschlechter wegfallen. Ein sogenannter Mann müsste nicht immer stark sein, dürfte aber sehr wohl sensibel sein. Eine Person, die sich als Frau definiert, würde nicht mehr damit kämpfen müssen, bestimmte Erwartungen zu erfüllen.

Geschlechteridentifikation kann sich entwickeln

Wenn wir jeden einzelnen Menschen als ein Individuum betrachten, erkennen wir schnell, dass in den zwei Geschlechterschubladen nicht genug Platz für alle ist. Ich finde, es sollte so viele Geschlechter geben, wie es Menschen auf der Welt gibt. Jeder Körper und jeder Geist ist anders und auch Hormonzusammenstellungen sind unterschiedlich und verändern sich. Die Identität eines Menschen ist fließend.

Ein Charakter entwickelt sich mit der Zeit, den äußeren Einflüssen und der Erfahrungen im Leben. Geschlechteridentifikation kann sich ebenso entwickeln.  Jeder, der will, sollte weiter das Recht haben, sich als männlich oder weiblich zu kategorisieren. Gleichzeitig sollte aber auch jeder Mensch, das Recht haben sich offiziell ganz anders zu definieren. Oder gar nicht. Wenn es genug Platz für viele weitere Geschlechteroptionen gäbe, dann wäre jede Person nur eines: MENSCH.