Kanzlerin Angela Merkel auf dem EU-Gipfel kürzlich in Brüssel.
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BerlinWann kehrt die Normalität zurück? Kaum ein Tag vergeht, an dem einem nicht dieser Gedanke durch den Kopf schießt. Wann darf man wieder Freunde umarmen, Hände schütteln? Wann wird man wieder ohne Mundschutz in einen Laden gehen können? In einem Club tanzen? Wann wird man wieder unbesorgt in ein Flugzeug steigen können?

Es deutet viel darauf hin, dass diese Sehnsucht nach Normalität magisches Denken ist, dass es eine Rückkehr in diese Vor-Corona-Normalität nicht geben wird, sondern dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben. In den vergangenen Tagen sind die Infektionszahlen auch in Deutschland durch Reiserückkehrer, wilde Partys sowie die prekären Lebensbedingungen von Erntehelfern und Schlachthof-Mitarbeitern wieder gestiegen.

Auch weltweit gibt es keine Anzeichen dafür, dass das Virus sich zurückzieht und dass das Schlimmste überstanden ist. Das Schlimmste kommt womöglich noch. Es gibt insgesamt rund 16 Millionen Infektionen und über 650.000 Todesfälle weltweit. Am Dienstag fand zum ersten Mal nach längerer Pause wieder eine Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts statt. Man hatte mit den regelmäßigen Briefings aufgehört, als die Lage sich beruhigt hatte. Die warnende Stimme von Lothar Wieler zu hören, dem Chef des Instituts, war wie ein Flashback in den Frühling. Die Anspannung ist wieder da.

Vor einem halben Jahr wurde der erste Corona-Patient in Deutschland diagnostiziert. Am Anfang ging es vor allem darum, mit drastischen Maßnahmen das öffentliche Leben einzuschränken und Zeit zu gewinnen, „damit die Forschung einen Impfstoff entwickelt oder ein Medikament“, so Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache Mitte März. Es klang, als müssten wir alle mal drei Monate die Zähne zusammenbeißen - und dann wäre alles wieder wie früher.

Doch mit den Impfstoffen ist es kompliziert. Es gibt zwar inzwischen einige, die getestet werden, doch es ist weiterhin unklar, wann der Impfstoff da sein wird und wie effektiv er dann wirkt. Es ist unwahrscheinlich, dass es einen Stoff geben wird, der zu einhundert Prozent schützt oder der auch nur so effektiv ist wie die Masernimpfung. Einer der bisher am weitesten entwickelten Impfstoffe von der Universität Oxford hat nach bisherigen Erkenntnissen starke Nebenwirkungen.

Am Anfang der Pandemie war auch viel von Herdenimmunität die Rede, es gab Gedankenspiele, dass es einen Immunitätsausweis für diejenigen geben könnte, die die Krankheit durchgestanden haben. Das ist auch vom Tisch, da ist die Forschung weiter. Eine längere Immunität, die über Jahre besteht, gibt es offenbar nicht. Es könnte also sein, dass man sich jedes Jahr neu gegen Corona impfen lassen müsste. Was sich wahrscheinlich negativ auf die Akzeptanz auswirken würde. Aber zumindest könnte man Risikogruppen besser schützen.

Das Virus bleibt bei uns, es verändert das Leben und wirft neue ethische und soziale Fragen auf, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt betreffen. Man sieht es im Kleinen: Wahrscheinlich wird man sich wohl nie wieder mit Küsschen links und rechts begrüßen. Auch der Handschlag stirbt wahrscheinlich aus. Womöglich werden wir uns zu einer Gesellschaft der Maskenträger entwickeln. Im Moment wirkt es noch seltsam, aber womöglich ist der Mundschutz in zwei Jahren so normal wie ein Kondom.

Vielleicht wird es auch völlig üblich, sich regelmäßig und im Alltag testen zu lassen. So wie man in der Bahn einen Fahrschein vorzeigt, könnte man vor dem Besuch eines Clubs einen negativen Test vorzeigen. Man kann sich vorstellen, dass es zum Beispiel an bestimmten Hot-Spots des Berliner Nachtlebens wie an der Warschauer Brücke mobile Teststellen gibt, die abends öffnen. Diese Teststellen könnte man schon jetzt einrichten, um den Clubs eine Perspektive zu bieten. Denn auf das Feiern wollen und können viele offenbar nicht verzichten, das haben die vergangenen Tage gezeigt.

Frühere Fehler wie die komplette Schließung von Schulen und Kindergärten werden hoffentlich nicht wiederholt, weil man inzwischen dazugelernt hat. Und warum baut man nicht flächendeckend besondere Luftfilter wie im Flugzeug in die Klassenzimmer? Klar, das würde viel kosten. Aber für Großfirmen wie die Lufthansa ist ja auch genug Geld da. Corona zwingt uns, vieles neu zu denken.