Gesine Grande
Foto: Kirsten Nijhof

BerlinGesine Grande ist neue Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg und damit aktuell die einzige Person an der Spitze einer ostdeutschen Universität, die im Osten großgeworden ist. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Ostdeutsche in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht die studierte Psychologin über mögliche Gründe dafür, über Ost-West-Unterschiede im damaligen Hochschulsystem und worin sie ihre neue Aufgabe in Cottbus sieht.

Berliner Zeitung: Hat es für Sie eine Bedeutung, dass Sie derzeit die einzige Präsidentin an einer ostdeutschen Universität mit ostdeutscher Biografie sind?

Gesine Grande: Das Thema Frau in Führungspositionen ist allgemein und auch für mich persönlich viel präsenter. Die Herkunft, auch die regionale, ist weniger sichtbar und ihre Rolle weniger klar. Allerdings wäre meine Biografie sicher anders verlaufen, wenn ich nicht 1991 nach Bielefeld gegangen wäre. Das hat mich gezwungen, extrem schnell sehr viel zu lernen, auch über wissenschaftliches Arbeiten. Man könnte es als starken Assimilationsdruck bezeichnen, da ich als einzige Ostdeutsche die westlichen Standards und Gepflogenheiten ja nicht nach meinen Erwartungsmustern umgestalten konnte.

Warum sind Sie 1991 nach Bielefeld gegangen?

Ich habe damals gedacht, wenn der Westen sowieso kommt, dann kann ich ihm auch entgegengehen. Das Wissenschaftssystem in der ehemaligen DDR befand sich in Unruhe und Auflösung. Tatsächlich hat niemand meiner Kommilitonen später eine wissenschaftliche Karriere gemacht. Soweit ich weiß, sind alle in verschiedenen Bereichen der Psychologie erfolgreich beschäftigt. Aber für die akademische Karriere fehlte uns eine Sozialisation im westlichen Wissenschaftssystem, es fehlten der Stallgeruch und förderliche, auch internationale Netzwerke unserer Professoren. Viele unserer Erfahrungen – auch außerhalb der Wissenschaft – waren nach der Wende entwertet.

Ich habe sogar Statistik an der Uni mit einem Rechenschieber gelernt, es gab keine Computer. Und dann kam ich nach Bielefeld, und konnte ohne Computer nicht mal ein Buch in der Bibliothek ausleihen.

Gesine Grande, Präsidentin der BTU Cottbus-Senftenberg

Sie mussten sich also vieles neu aneignen, als Sie nach Bielefeld gekommen sind.

Ich nenne Ihnen mal ein lustiges Beispiel. Ich habe sogar Statistik an der Uni mit einem Rechenschieber gelernt, es gab keine Computer. Und dann kam ich nach Bielefeld, und konnte ohne Computer nicht mal ein Buch in der Bibliothek ausleihen. Was macht man dann? Ich war ständig in Sorge, als blöder Ossi enttarnt zu werden. Also habe ich versucht, alles doppelt so schnell aufzuholen. Schon am nächsten Tag habe ich übrigens den Wessis in der Bibliothek erklärt, wie das mit dem Computerbestellsystem funktioniert. Die wussten es nämlich auch nicht.

Wie haben Sie 1989 die Wende erlebt?

Ich habe 1988 mein Studium abgeschlossen und hatte damals eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universitäts-Frauenklinik als erste Psychologin im Haus. Ich hatte einen sehr lebendigen Freundeskreis. Wir waren sicherlich nicht sehr systemtreu, sondern eher Nischenbürger, wie es viele gab. Wir wollten Veränderungen, Offenheit, mehr Chancen, da ging es anfangs überhaupt nicht um die Westmark und eine Wiedervereinigung. Die mit der Wende tatsächlich verbundenen Veränderungen waren natürlich nicht nur beglückend, sondern auch eine Entfremdung von der eigenen Lebenswelt. Man musste sich vielen Identitätsfragen stellen, mit denen man sonst als Erwachsene nicht mehr in dieser Form konfrontiert ist.

Sie haben sich dann 1991 entschieden, nach Bielefeld zu gehen. Bis 2003 sind Sie in NRW geblieben. Inwiefern hat Sie die Zeit dort geprägt?

Sie hat mich stark in meiner beruflichen Sozialisation geprägt. Dazu gehören viele, vielleicht beiläufig erscheinende Aspekte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich anfangs in Arbeitsgruppen- oder Fakultätsratssitzungen saß und erst mal lernen musste, was Diskurs und Kompromiss bedeuten. Ich musste auch lernen, mich einzubringen. Anfangs schlug mir tatsächlich das Herz bis zum Hals. Man muss es üben, sich einzubringen, seine Meinung zur Diskussion zu stellen, nicht recht zu bekommen und trotzdem weiter um eine Lösung zu ringen. Das hört sich so einfach an für viele die heute in einem anderen System groß werden.

Vermissen Sie Nordrhein-Westfalen heute?

Ich war zwölf Jahre in Bielefeld. Es war für mich eine wichtige akademische Lehre und eine wichtige Lebenserfahrung. Mein Sohn ist dort geboren. Meine wissenschaftliche Karriere hat dort ihr Fundament, und ich konnte viel darauf aufbauen. Aber ich habe noch nie gedacht, ich möchte dahin zurück.

Das Votum in Cottbus ist mit 12:9 relativ knapp für Sie ausgefallen. Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich bin gegen die amtierende Präsidentin angetreten, die sich sehr für die Universität engagiert hat. Es gibt immer gute Argumente für Kontinuität und für Veränderung. Jetzt kommt es darauf an, alle Mitglieder der Universität einzuladen, die zukünftige Entwicklung gemeinsam zu gestalten. Gemeinsame Ziele und Projekte sind eine wichtige Basis für wachsendes Vertrauen.

Ich habe in meiner Kindheit oft gehört „Eigenlob stinkt“ und „Bescheidenheit ist eine Zier“. Sich selbst zu loben, war schon fast schambesetzt.

Gesine Grande

Was reizt Sie an der Position der Uni-Präsidentin?

Wir haben für die nächsten Jahre eine Entwicklungsdynamik zu erwarten, die historisch einmalig ist. Mit den Strukturwandelprojekten haben wir die Chance, uns wissenschaftlich zu profilieren und gemeinsam mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, den Unternehmen, der Politik die Lausitz voranzubringen. Es geht um Projekte über viele Millionen Euro, Schwerpunkte in der Energieforschung, der Umweltforschung und der Gesundheitsversorgung können nachhaltig vorangebracht werden. Die Universität wird erheblich an Attraktivität gewinnen, für Studierende, als Arbeitgeber, für die Wirtschaft und die Region.

Heute sind Sie eine der wenigen Ostdeutschen in einer Spitzenposition. Eine Erhebung des RBB und MDR zusammen mit der Uni Leipzig hat ermittelt, dass Ostdeutsche in deutschen Elitepositionen zwar noch immer unterrepräsentiert sind. Der Anteil der Frauen in dieser Gruppe ist jedoch überdurchschnittlich hoch. In den alten Bundesländern sieht das anders aus. Warum denken Sie, ist das so?

Das Geschlechterrollenverständnis in den alten Bundesländern war anders als in den neuen, was man auf vielen Ebenen sieht. Die DDR-Frau hat ihren Mann gestanden. Für die Frauen in der DDR war es selbstverständlich, zu arbeiten, sie haben sich vielleicht auch stärker über ihre Arbeit definiert. Das westliche Modell des Alleinverdieners mit einer Frau, die zu Hause bleibt und die Verantwortung für Haushalt und Kinder übernimmt, war sehr unüblich. Selbst meine Studierenden konnten bei einer Befragung vor wenigen Jahren feststellen, dass auch bei 20-jährigen Frauen heutzutage noch deutliche Unterschiede zu finden sind: Die Leipziger Studentinnen planten nach einer Geburt schnell und in Vollzeit in den Beruf zurückzugehen, während die Studentinnen in Hannover länger zu Hause bleiben und später nur in Teilzeit arbeiten wollten.

Auch wenn ostdeutsche Frauen im Vergleich zu ostdeutschen Männern verstärkt Führungsrollen ausüben, sind Ostdeutsche in Spitzenpositionen insgesamt noch immer unterrepräsentiert. Sind die Menschen aus dem Osten nicht selbstbewusst genug oder zu schüchtern?

Das ist eine schwierige These. Ich glaube, die Ostdeutschen sind keine schüchternen Menschen. Vielleicht sind wir mit teilweise anderen sozialen Normen groß geworden. Ich habe in meiner Kindheit oft gehört „Eigenlob stinkt“ und „Bescheidenheit ist eine Zier“. Sich selbst zu loben, war schon fast schambesetzt. Man erwartete eher, dass man entdeckt wird. Auch Karrierewege funktionierten eher so, es gab kaum offene Stellenausschreibungen, keinen Markt von Stellen und Bewerbern. Da waren die Ostdeutschen wohl manchmal im Nachteil, wenn sie mit anderen um Stellen konkurrierten, die besser gelernt hatten, dass man sich auch gut verkaufen muss, wenn man etwas erreichen will.

Wäre eine Ostquote eine Lösung, die Repräsentanz von Ostdeutschen in Führungspositionen zu steigern?

Wir streiten schon über die Frauenquote. Und Sie kommen da in Schwierigkeiten mit der Definition. Wer ist dann Ostdeutscher? Mein Sohn ist in Bielefeld geboren und mit sechs Jahren nach Leipzig gekommen. Ich glaube, dass er sich eher als Ostdeutscher, denn als Westdeutscher fühlt.

Über Gesine Grande

Gesine Grande wurde 1964 in Leipzig geboren. Sie ist Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin. Nach dem Ende ihre Studiums 1988 arbeitete sie zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universitäts-Frauenklinik in Leipzig, ehe sie 1991 nach Bielefeld ging. Dort lebte sie bis 2003. Von 2014 bis 2019 war Grande Rektorin der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur. Seit 1. Oktober 2020 führt sie die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg als Präsidentin.