Botschafter Melnyk geht und sagt der Berliner Zeitung: Ich werde Vizeaußenminister der Ukraine

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk verlässt Berlin in der Nacht. Er hofft, dass sein Nachfolger zu den Deutschen nicht „nur nett“ ist und will sich weiter einmischen.

Andrij Melnyk, scheidender Botschafter der Ukraine in Deutschland.
Andrij Melnyk, scheidender Botschafter der Ukraine in Deutschland.dpa

Es war der schönste Abschied – auch wenn er so nicht geplant war. Am Donnerstagabend saß der ukrainische Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk mit seiner Frau Svitlana in der ersten Reihe im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, in einem Benefizkonzert zugunsten eines Flüchtlingsheims im Westen der Ukraine. Auf der Bühne spielte das Nationale Präsidentenorchester der Ukraine, das für dieses Konzert das erste Mal seit dem 24. Februar die Ukraine verlassen durfte, zusammen mit ukrainischen Opernstars wie Liudmyla Monastyrska und Andrii Bondarenko. Aber zufällig fiel dieses Konzert für Andrij Melnyk auf einen persönlich wichtigen Zeitpunkt. Es war der Vorabend seines letzten Tags als ukrainischer Botschafter in Deutschland. Nach sieben Jahren verlässt er den Posten.

Melnyk hat Angebot von Selenskyj zum Vizeaußenminister angenommen

Nach dem Konzert haben er und seine Frau noch viele Kartons in ihrer Residenz zu packen, sagt Melnyk. Er nimmt sich aber Zeit für ein letztes Gespräch mit der Berliner Zeitung. Mehrmals hat er in seiner Amtszeit mit unserer Redaktion gesprochen: im Interview, als Gastautor oder hinter den Kulissen bei einem Benefizkonzert für die Ukraine im Juni. Jetzt bestätigt er zum ersten Mal, welche neue Rolle ihn in Kiew erwartet: Er wird Vizeaußenminister der Ukraine. „Es hat mehrere Angebote gegeben, und dieses habe ich angenommen“, sagt er. Nach seiner Ankunft in Kiew stehe ein Treffen mit Präsident Selenskyj an, voraussichtlich am Dienstag, dann müsse die Regierung seine Berufung durch den Präsidenten noch bestätigen. „Ich werde aber auf jeden Fall nicht arbeitslos“, scherzt Melnyk.

Am Donnerstagabend konnte man allerdings eine gewisse Erleichterung bei dem scheidenden Botschafter spüren. Den ganzen Abend klatschte er bei den schwungvollen Kosakenmärschen im Programm mit, sang bei den mitreißenden ukrainischen Volksliedern mit, so wie der Rest des Publikums. „Diese Energie und Atmosphäre werden für uns unvergesslich bleiben“, sagt er nach dem Konzert. „Dieses Gefühl der Einigkeit vor meiner Abreise zu haben, nach so vielen Debatten, Diskussionen und Kontroversen, das war etwas sehr Persönliches für mich.“ Er werde mit einem guten Gefühl nach Kiew fahren – schon in der Nacht zum Sonnabend, mit dem Auto, fügt Melnyk hinzu.

Die Reise wird etwa 24 Stunden dauern. Die Kontroversen aus den vergangenen Monaten seiner Amtszeit werden in Berlin länger in Erinnerung bleiben. Jahrelang kannte kaum jemand den ukrainischen Botschafter. Seit dem 24. Februar kennt ihn fast jeder in Deutschland. Melnyk wurde mit seinen ungewöhnlich undiplomatischen Talkshow-Auftritten oder Beiträgen in den sozialen Medien berühmt. In Berlin geriet er mit Politikern sowie Menschen, die ukrainische Flüchtlinge unterstützen, aneinander – am denkwürdigsten ist vielleicht, als er Olaf Scholz als „beleidigte Leberwurst“ bezeichnet hatte (wofür er sich später entschuldigte).

Melnyk: „Nur nett sein werden die Deutschen ausnutzen“

Für seine Kritiker ging er dabei oft zu weit, seine Aussagen würden sich für einen Botschafter nicht schicken, vielleicht sogar die Sache der Ukraine beschädigen, hieß es. Andere lobten ihn für seine Direktheit und Dringlichkeit in einer Zeit der Krise für sein Land. Seine Auftritte machten Druck auf die Bundesregierung und sorgten mit dafür, dass der Krieg nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein in Deutschland verschwand.

Bereut Andrij Melnyk selbst etwas? Seine ungewöhnlichen Bemerkungen oder vielleicht seine Aussagen über den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera bei Jung & Naiv, die im Juni für so viel Kritik sorgten? Der scheidende Botschafter sagt, er bereue vieles – aber vor allem, dass es ihm nicht gelungen sei, eine „proaktivere“ deutsche Reaktion auf Putin vor dem 24. Februar zu erreichen.

„Man hätte diesen Krieg verhindern können. Davon bin ich überzeugt“, sagt er. „Heute streiten wir über Panzer und alles Mögliche. Doch nur zehn Prozent davon vor Kriegsbeginn, vielleicht 2014 oder 2015, wären ein klares Signal an Putin gewesen. Das ist was, was ich teilweise auch mir vorwerfe – vielleicht hätte ich auch schon vor sieben Jahren noch undiplomatischer sein müssen.“

Das muss jetzt Oleksii Makeiev übernehmen – bisher Sonderbeauftragter der Ukraine im Bereich Sanktionen, ab nächste Woche der neue Botschafter des Landes in Deutschland. Auch er spricht fließend Deutsch. Makeiev war zuvor in ukrainischen diplomatischen Vertretungen in Deutschland und der Schweiz tätig. Und auch er twittert gern, wenn auch nicht so provokant wie Melnyk. Sein Ansatz werde ein anderer sein, sagt Melnyk. Makeiev sei „ein Typ der alten Schule“, etwas höflicher. Sein Rat an ihn ist allerdings: Den eigenen Stil finden, aber nicht zu nett sein. „Reine Nettigkeit werden die Deutschen ausnutzen, auch die Regierung, davon bin ich überzeugt“, sagt er.

Makeiev werde auch mit anderen Aufgaben zu tun haben. Er müsse vor allem dafür sorgen, dass die Empathie und Unterstützung der deutschen Gesellschaft für die Ukraine nicht schwinden werden. Sein Erfolg dabei werde wichtiger denn je sein: „Unser Überlebenskampf hängt von seiner Arbeit ab“, sagt Melnyk.

Melnyks Abschiedsgruß: „Danke, dass Sie mich ausgehalten haben“

„Das, was er in Deutschland erreichen kann oder nicht, wird Konsequenzen auf dem Schlachtfeld sowie in unseren Städten haben.“ Im Winter werde die Ukraine vor allem europäische Unterstützung brauchen, um zu verhindern, dass ihre Bürger frieren, für den Fall, dass die fortgesetzten russischen Angriffe auf die Heizwerke der Ukraine ihr Ziel erreichen.

Im Kammermusiksaal der Philharmonie konnte es nur Melnyk sein, der die Eröffnungsrede hielt – eine seiner letzten Aufgaben als Botschafter. Er bedankte sich bei den Veranstaltern und den Musikern, die Werbung für die ukrainische Kultur hätte seine Amtszeit genauso begleitet wie der Krieg, sagt er. Und dann richtete Andrij Melnyk noch ein paar Abschiedsworte an sein deutsches Publikum: „Danke, dass Sie mich ausgehalten haben.“ Für einige gebe es jetzt gute Nachrichten: Der böse alte Botschafter gehe zurück nach Kiew. Gelächter im Saal. „Aber jetzt die schlechte Nachricht“, sagte Melnyk. Weiteres Kichern aus dem Publikum, dann wurde es still. „Ich werde es immer noch sagen, wenn hier etwas schiefläuft.“

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