Berlin - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht davon aus, dass das Tempo bei den Corona-Schutzimpfungen jetzt von Woche zu Woche spürbar schneller werden wird. „Wir haben allein in dieser Woche rund zwei Millionen Impfstoffe ausgeliefert“, sagte er am Samstag. Derzeit würden bundesweit 100.000 bis 140.000 Impfungen pro Tag durchgeführt. „Wir können das jetzt verdoppeln“, so Spahn. Er kündigte an, dass auch die Liefermengen an Impfdosen nun stetig zunehmen werden. Allein Biontech habe angekündigt, im zweiten Quartal rund 40 Millionen Dosen zu liefern. Zudem erwarte man in den nächsten Wochen die Freigabe für mindestens einen weiteren Impfstoff.

Gemeinsam mit dem Präsidenten des Robert Koch-Institutes, Lothar Wieler, dem Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek und dem Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut, Thomas Mertens, hatte Spahn erneut zu einer Online-Veranstaltung eingeladen. Erstmals konnten alle Bürgerinnen und Bürger Fragen einreichen.

Dabei zeigte sich, dass die Vorbehalte vor allem gegen den Impfstoff von Astrazeneca sehr groß sind – in Hinblick auf die geringere Wirksamkeit im Vergleich zu anderen Impfstoffen wie auch im Hinblick auf die beobachteten Nebenwirkungen. Diese hatte in den vergangenen Tagen dazu geführt, dass das Personal in manchen medizinischen Abteilungen nur noch gestaffelt mit Astrazeneca geimpft werden. Vielerorts blieben Impfdosen von Astrazeneca liegen.

Astrazeneca ist kein Impfstoff zweiter Klasse

Dass es sich bei diesem Vakzin um einem Zweite-Klasse-Impfstoff handeln könnte, wiesen jedoch alle Experten zurück. RKI-Präsident Wieler sprach von einer „skandalisierenden Bezeichnung, die ich nicht nachvollziehen kann.“ Die Schutzwirkung von Astrazeneca  werde oft falsch verstanden, erklärte Klaus Cichutek, dessen Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland für die Medikamentenüberwachung zuständig ist. Eine Schutzwirkung gegen das Corona-Virus sei in jedem Fall gegeben.

In den klinischen Studien habe sich gezeigt, dass es nach der Impfung mit Astrazeneca zwar bei rund 30 Prozent Infektionen mit dem Corona-Virus gab – jedoch keine schweren. Keiner dieser Erkrankten habe ins Krankenhaus gemusst, ergänzte Spahn. „Es gibt also einen Schutz durch Astrazeneca und sogar einen sehr, sehr guten.“  Er befürwortete es, dass die Bundesländer den Impfstoff bei Ablehnung auch an die nächste Priorisierungsgruppe verimpfen. „Wenn einer nicht will, dann bekommt es der nächste“, sagte Spahn. „Bei uns bleibt nichts liegen“

Die Alternativen seien klar, erklärten alle Experten: Entweder man lasse sich impfen oder man müsse bereit sein, die Krankheit durchzumachen. Anders lasse sich keine Immunität herstellen. „Das Virus wird nicht weggehen“, so Wieler. Er persönlich werde daher jeden Impfstoff nehmen, der ihm angeboten werden, wenn er an der Reihe sei.

Coronavirus: Debatte um Impfreihenfolge

Spahn sagte, man registriere derzeit gerade bei jüngeren Jahrgängen eine hohe Bereitschaft zur Impfung. Für den Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (StiKo), Thomas Mertens, ist das kein reiner Grund zu Freude. Er erhält derzeit jede Mails, in denen die von der Stiko empfohlene Impfreihenfolge in Frage gestellt wird. Viele der Kritiker unterlägen aber einem Missverständnis wie die Priorisierung festgelegt wurde, so Mertens. „Es ging dabei nicht um das Risiko der Infektion, sondern um das Risiko für schwere Verläufe.“ Er bekomme viele Schreiben, in denen Solidarität für andere Bevölkerungsgruppen gefordert werde. Dann müsse man aber sagen, wer zugunsten der anderen verzichten solle. Davon sei in den Briefen nicht die Rede. „Alles wollen nur etwas bekommen“, so Mertens. „Das ist schon etwas, was mich manchmal etwas bedrückt.“

Spahn wies noch einmal darauf hin, dass die Zulassung in Deutschland am Anfang länger gedauert habe, weil man keine Notzulassung haben wollte. „Wir werden bald in der Situation sein, wo wir die letzten noch überzeugen müssen, sich impfen zu lassen, um die Immunisierung in der Bevölkerung zu erreichen“, sagte er. Dann werde die Frage einer geordneten Zulassung der Impfstoffe mit entscheidend sein. Es sei misslich, dass es am Anfang so wenig Impfstoff gebe. Man habe insgesamt aber mehr als genug Dosen bestellt, um die die gesamte Bevölkerung zu immunisieren.  In den meisten Ländern der Welt sei noch gar kein Impfstoff angekommen. „Diese Pandemie hört aber erst auf, wenn alle geimpft sind“, sagte Spahn.

Auch er riet dazu, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen. Auf die Frage eines Zuschauers, ob man sich später zusätzlich mit dem Vakzin von Biontech impfen lassen könne, wenn es genug Impfstoff für alle gebe, antwortete er: „Das ist problemlos möglich“ Er rechne überdies damit, dass später nachgeimpft werden müsse, wenn sich das Virus weiter verändert.