Ende der Woche wollen die Fraktionschefs im Bundestag versuchen, einen parteiübergreifenden Kompromiss beim Thema Organspende zu finden. Eine Gruppe von Gesundheitsökonomen sieht die Politik auf dem falschen Weg. Sie fordern ein Belohnungssystem für potenzielle Spender.

Herr Breyer, diskutiert wird derzeit die Erklärungslösung: Die Bürger sollen immer wieder nach ihrer Spendenbereitschaft gefragt werden. Reicht das? Nein. Die Initiative wird verpuffen. Wir werden nicht mehr Spenderorgane bekommen. Denn geplant ist, neben einem Ja und einem Nein auch die Antwort zuzulassen, sich jetzt nicht zu entscheiden. Da sich viele Menschen nicht mit ihrem eigenen Tod beschäftigen wollen, werden sie diese Option wählen. Es fehlt schließlich jeder Anreiz, sich mit der Entscheidung zu befassen.

Was schlagen Sie vor?

Wir sollten die Menschen dazu bringen, sich mit der Situation auseinandersetzen, selbst ein Organ zu benötigen. Jeder soll sich in die Rolle eines potenziellen Empfängers versetzen. Das erreichen wir, indem diejenigen, die spenden wollen, auf der Organ-Warteliste einen Bonus bekommen. Wer widerspricht, erhält einen Malus. Damit beenden wir außerdem die Ungerechtigkeit, dass von zwei gleich geeigneten und gleich bedürftigen potenziellen Empfängern womöglich derjenige ein Organ bekommt, der selbst kein Spender ist.

Das klingt ziemlich brutal.

Viele Weltreligionen kennen die „Goldene Regel“: Man darf von anderen nicht verlangen, was man nicht selbst zu geben bereit ist. In Singapur und Israel ist diese Regel der Gegenseitigkeit bei der Organspende längst Gesetz.

Aber bei uns gibt es die Tradition des gleichen Zugangs zu Gesundheitsleistungen, unabhängig vom eigenen Vorverhalten. Die ist doch längst gebrochen. Wer monatelang seine Beiträge nicht zahlt, bekommt außer in Notfällen keine Leistungen mehr. Und wer sich selbst schädigt, bekommt auch nur noch eingeschränkte Leistungen. Das gilt zum Beispiel bei fehlgeschlagenen Schönheitsoperationen. Auch bei einem Nein zur Organspende handelt es sich um eine ganz bewusste Willensentscheidung, für die der Einzelne verantwortlich gemacht werden kann. Er muss also auch die Folgen davon tragen, dass er im Falle eines Widerspruchs die Knappheit der Organe noch verschärft.

Die Regelung ließe sich austricksen: Zunächst spricht man sich gegen die Spende aus und erst bei eigenem Organversagen wird zugestimmt, um in den Genuss der Vergünstigung zu kommen.Das kann man leicht durch Wartezeiten beim Übergang vom Widerspruch zur Spendenbereitschaft verhindern.

Selbst mit einem Bonus überzeugen sie aber wohl die Menschen nicht von einer Organspende, die unsicher sind, ob der Hirntod das Ende des Lebens bedeutet.

Richtig. Vielen Menschen geht es auch um das würdige Sterben und die körperliche Unversehrtheit. Die Gesellschaft hat all die persönlichen Sichtweisen im Zusammenhang mit dem Tod jedoch zu akzeptieren. Hier könnte die Bonus-Regelung eine friedensstiftende Wirkung haben. Denn wer gegen die Anwendung des Hirntodkriteriums Bedenken hat, kann sich gegen die Organspende aussprechen, ohne dass ihm moralische Vorhaltungen gemacht werden können. Schließlich profitiert er ja auch weniger von der Spendenbereitschaft anderer.

Manch einer sorgt sich auch, die Ärzte könnten einen potenziellen Spender eher aufgeben, um die Organe zu sichern.

Das sind zwar irrationale Bedenken, doch auch die muss man Ernst nehmen, wenn wir mehr Spender gewinnen wollen. Wir schlagen vor, ein bundesweites Register anzulegen, in dem sowohl positive als auch negative Erklärungen zur Spendenbereitschaft gespeichert werden. Erst nach dem Hirntod darf diese Datei vom Krankenhaus abgefragt werden. Damit würden alle Sorgen, man könnte als potenzieller Spender schlechtere Überlebenschancen haben, zerstreut.

Ein Spendeausweis wäre mit dem Register nicht mehr nötig?

Nein, er sollte dann sogar verbrannt werden.

Interview: Timot Szent-Ivanyi