Berlin befindet sich in Bezug auf die mutierte Coronavirus-Variante weiter in Alarmstimmung. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci rechnet mit „stündlich steigenden Infektionszahlen“. Das sagte die SPD-Politikerin am Dienstagnachmittag im Anschluss an die Senatssitzung. Das liege daran, dass noch nicht alle aktuell geplanten Tests genommen worden seien und die Labors noch nicht alle Proben auf die Virus-Mutante ausgewertet hätten.

Anlass der Massentests ist der Ausbruch des Coronavirus der Variante B.1.1.7 aus Großbritannien im Reinickendorfer Humboldt-Klinikum Ende vergangener Woche. Seit Sonnabend ist das Krankenhaus geschlossen, seitdem werden alle Patienten und das gesamte Personal getestet. 

Mutation 26 Mal gefunden

Der landeseigene Krankenhausbetrieb Vivantes, zu dem das Humboldt-Klinikum gehört, meldete am Dienstag einen vorläufigen Stand: Demnach wurden bis dahin im Konzern 26 Fälle nachgewiesen. Das seien zwei mehr als am Montag. Betroffen seien im Humboldt-Klinikum 13 Patienten und 11 Mitarbeiter, hinzu kommen 2 Patienten aus dem Klinikum Spandau.

Binnen vier Tagen wurden im Humboldt demnach alle 452 Patienten auf Corona getestet, 64 waren positiv. Von den rund 1700 Mitarbeitern war bis Dienstag bei 1583 ein PCR-Test durchgeführt worden: 1486 wurden negativ getestet und 26 positiv. Bei den übrigen standen die Ergebnisse am Dienstag noch aus.

Hoffnung und Angst

Nach Kalaycis Worten gebe es keine Hinweise darauf, dass im Krankenhaus Fehler gemacht worden seien. Allein die Tatsache, dass überhaupt nach der Mutation gesucht worden sei, zeige, wie professionell und gewissenhaft gearbeitet werde, so die Politikerin. Sie sehe keine unmittelbare Gefahr für andere Krankenhäuser, verwies jedoch darauf, dass es seit Wochen Ansteckungen in Kliniken gebe. Dennoch hoffe sie, „dass es keinen ganz großen Sprung“ bei den Infektionszahlen geben werde.

Gleichwohl sind auch andere Krankenhäuser in Berlin alarmiert – und versuchen sich zu schützen. Man halte sich streng an die Vorgaben des Robert Koch-Instituts, hieß es am Dienstag von den DRK-Kliniken. Gebe es Kontakte, würden „sowohl bei Patienten als auch bei Personal Kontakte erfasst, Quarantänemaßnahmen eingeleitet und wiederholte Untersuchungen durchgeführt“, sagte eine Sprecherin am Dienstag auf Anfrage der Berliner Zeitung. Zur Vermeidung von Ausbrüchen gehörten auch „regelmäßige Screenings von asymptomatischen Patienten und des Personals“.

Senat bezahlt Tests

Um die Mutation besser in den Griff zu bekommen, sollen die Berliner Labore positive Corona-Tests ab sofort noch einmal auf B.1.1.7 untersuchen. Das landeseigene Labor Berlin sei schon entsprechend beauftragt, private Labore sollten folgen, so Kalayci. Die Kosten übernehme der Senat. Die Bundesregierung strebt an, dass in fünf Prozent aller Proben nach der Mutation gesucht wird.  

Senatorin Kalayci zitierte am Dienstag Vermutungen, wonach die Mutante um 35 Prozent ansteckender sein könnte als die bekannte Virus-Variante. Da es noch kein Meldewesen für die Mutation gebe, wisse man nicht, wie viele Berliner sich im privaten Umfeld, etwa bei Reiserückkehrern, angesteckt hätten.

Vor diesem Hintergrund fordert die Gesundheitssenatorin eine Verschärfung der Einreisebestimmungen. „Zur Zeit können sich Reisende nach fünf Tagen freitesten“, sagte sie am Dienstag. Das sei ein Fehler und müsse „bundesweit korrigiert“ werden. Allen Überlegungen nach Lockerungen der Corona-Maßnahmen erteilte sie eine Absage. 

Foto: dpa/Wolfgang Kumm
Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci am Dienstag in der Senats-Pressekonferenz.

Beim Verband der Hausärzte sieht man wegen der Mutation unterdessen erneut düstere Zeiten auf die Stadt zukommen - und es würden erneut die Allgemeinmediziner sein, die erste Ansprechpartner für viele Patienten seien und deshalb eine größere Belastung abfangen müssten, sagte Landesverbandschef Wolfgang Kreischer am Dienstag der Berliner Zeitung. „Die Gefahren für den einzelnen Menschen, sich anzustecken, werden exponentiell größer werden – und die Gesundheitsämter werden auch dieses Mal nicht damit hinterherkommen, die Infektionsketten nachzuvollziehen“, so Kreischer. Für ihn und seine Kollegen bedeute das: „Wir müssen noch mehr auf uns und die Patienten aufpassen, um sicherzustellen, dass uns und ihnen nichts passiert.“

Kritik an Berliner Impfregime

Bisher habe man die Ausbreitung des Virus nicht stoppen können – ob es bei der Mutation klappt, sei fraglich, so Kreischer. „Der Lockdown kam zu spät und war nicht hart genug, Infektionsketten konnten nicht nachvollzogen werden.“ Jeder Einzelne müsse die Sicherheitsmaßnahmen verstärken. „Und ich glaube, dass wir uns auf einen noch längeren Lockdown einstellen müssen“, sagt der Mediziner, der in Zehlendorf eine Hausarztpraxis betreibt.

Ein großes Problem sieht er in dem Berliner Impfregime mit seiner strikten Priorisierung. „Pressewirksam werden 100-Jährige geimpft, aber die Hausärzte waren noch nicht an der Reihe, obwohl sie diejenigen sind, die selbst gefährdet sind und das Virus verbreiten könnten“ kritisiert Kreischer.

Berlin habe sich verrannt, so Kreischer. Wenn sich daran nichts ändere, könne das schwere Folgen haben. „Denn neben der Pandemie sind wir auch mit unserer normalen Arbeit beschäftigt. Und diese Versorgung könnte zusammenbrechen.“