In vielen Ländern gab es – wie hier in Paris – am vergangenen Wochenende Proteste gegen Rassismus. Fast überall blieb es friedlich.
Foto: Francois Mori/AP Photo

BerlinAm vergangenen Wochenende rissen Demonstranten bei Anti-Rassismus-Protesten in der britischen Stadt Bristol die Statue von Edward Colston, der im 17. Jahrhundert als Händler an der Versklavung Zehntausender Menschen beteiligt gewesen war, von ihrem Sockel und warfen sie ins Hafenbecken. Es war eine Form von Gewalt, ein Akt der Zerstörung, wenn auch einer, bei dem kein Mensch zu Schaden kam.

Das war in den vergangenen Wochen nicht immer so. Gerade die ersten Demonstrationen nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten in Minneapolis am 25. Mai schlugen immer wieder auch in Gewalt um. Polizeiwagen wurden angezündet, die Scheiben von Geschäften eingeschlagen. Verletzt wurden dabei Menschen, die nichts mit dem Tod Floyds zu tun hatten.

Trotzdem äußerte der (weiße) amerikanische Fotograf Ken Schles in einem wütenden Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung unlängst Verständnis dafür, dass sich die Proteste in Gewalt entluden. „Warum zum Teufel auch nicht?“ schrieb Schles.

Schon immer haben sich Freiheitskämpfer an der Frage abgearbeitet, ob Gewalt ein legitimes Mittel im Kampf gegen Unrecht sein kann. Und nicht wenige änderten ihre Meinung im Laufe der Zeit. Der Widerstandskämpfer und ehemalige Präsident Südafrikas, Nelson Mandela, schrieb zu seiner Abkehr vom Prinzip der Gewaltfreiheit in seiner Autobiografie: „Wenn die Reaktion der Regierung darin besteht, mit nackter Gewalt unseren gewaltlosen Kampf zu zermalmen, so werden wir unsere Taktik zu überdenken haben.“

Nun ist es schon deshalb problematisch, Gewalt als legitimes Mittel im Kampf gegen Unrecht zu erklären, weil Recht und Unrecht interpretierbare Kategorien sind. Der gewaltsame Kampf für die gerechte Sache läuft immer Gefahr, missbraucht zu werden. Nur: Das gilt für den gewaltlosen Kampf nicht weniger.

Gleichzeitig wird Gewalt institutionell täglich angewendet. Denn das Prinzip der Gewaltlosigkeit gilt ja nicht für den Staat. Er hat ein Gewaltmonopol, eines, das ihm vom Wähler übertragen wurde. Und er hat nicht nur die Legitimation, sondern die Pflicht, dann, wenn ein Gesetz gebrochen wurde, diese Gewalt, etwa in Form von Freiheitsentzug, anzuwenden.

Man könnte an dieser Stelle einwenden, dass eine polizeiliche Festnahme nicht mit Plünderungen gleichzusetzen sei, geschweige denn mit der Verletzung von Menschen. Und doch ist genau das gerade passiert. Der Polizist, der sein Knie in George Floyds Nacken drückte, bis der Festgenommene starb, handelte offiziell im Auftrag des Staates. Im Auftrag eines Systems, dessen Aufgabe es eigentlich war, Menschenleben zu schützen. Auch das von George Floyd.

Die, die täglich unter Rassismus leiden, ob in den USA, in Deutschland oder anderswo, sind seit jeher mit einer Erwartungshaltung konfrontiert: Auf die Gewalt, die ihnen angetan wird, sollen sie mit Geduld reagieren, die Klügeren sein, die, für die höhere moralische Standards gelten. Schon Kinder werden angehalten, Konflikte möglichst mit Worten zu schlichten. Worte sind – kein Zweifel – die bessere Alternative. Sie sind jedoch nicht immer die mächtigste, besonders dann nicht, wenn, wie im Fall von George Floyd, der Gegner Teil eines Systems ist, das jeden Tag seine eigenen Regeln bricht.

„Liebe Weiße, wie stellt ihr sicher, dass ihr eure Kinder so erzieht, dass sie meine Kinder nicht töten werden?“, schrieb unlängst ein (schwarzer) Mann bei Twitter. Die Angst um das Leben der eignen Kinder ist neben der Verzweiflung darüber, dass es auch fast 60 Jahre, nachdem Martin Luther King Jr. vor dem Lincoln Memorial in Washington D. C. den Traum wahrer Brüderlichkeit träumte, wirklichen Fortschritt nur auf dem Papier gibt, ein mächtiger Motor, ein mächtigerer vielleicht noch als Wut.

In den USA – und auch in Deutschland – sind allen Bürgern die gleichen Rechte gesetzlich garantiert. Doch ein Staat, der nicht sicherstellt, dass Gesetz zu gelebtem Recht wird, betrügt seine Bürger.

Die Anwendung von Gewalt bleibt eine schlechte Wahl im Kampf gegen Unrecht. Und nein, der Zweck heiligt diese Wahl nicht. Aber er macht sie nachvollziehbar. Und, ja, zu einem letzten Mittel. Wenn alle anderen versagt haben.