Berlin - Ein Mann lauert seiner Ex-Freundin in der Tiefgarage auf. Er rammt ihren Wagen, schlägt die Scheiben ein, im Auto sitzt auch der gemeinsame Sohn. Auf beide sticht der Vater mit einem Küchenmesser ein. Kurz darauf sind sie tot.

Ein anderer Mann platzt in eine Familienfeier. Der 59-Jährige wohnt nicht mehr am Ort des Festes, zur Feier ist er nicht eingeladen. Als er hereinkommt, fängt er sofort an zu schießen, tötet Sohn und Schwiegersohn.

Ein Fall pro Tag

Im Schnitt jeden Tag versucht ein Mann, seine Frau, Lebensgefährtin oder Ex-Partnerin zu töten. Jeden zweiten bis dritten Tag im vergangenen Jahr starben Opfer, wie Daten des Bundeskriminalamts (BKA) zeigen. Es sind Zahlen, die entsetzen. „Das ist in einem modernen, fortschrittlichen Land wie Deutschland eine fast unvorstellbare Größenordnung“, sagt Frauenministerin Franziska Giffey (SPD). „Für viele Frauen ist das eigene Zuhause ein gefährlicher Ort – ein Ort, an dem Angst herrscht.“

Der jüngste Fall könnte sich am Wochenende in Jena abgespielt haben. Nach derzeitigem Ermittlungsstand tötete ein Mann seine Ex-Partnerin und deren neuen Freund. Und sein eigenes Kind, einen Säugling, erst drei Wochen alt. 

Häufiger als jeden dritten Tag wird, statistisch betrachtet, in Deutschland eine Frau von ihrem aktuellen oder ehemaligen Partner getötet. 2017 starben so 147 Frauen, ergab eine Auswertung des Bundeskriminalamts. 138.893 Menschen wurden Opfer versuchter oder vollendeter Gewalttaten wie Mord und Totschlag, von Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Bedrohung, Stalking und Nötigung und Zwangsprostitution.

82 Prozent der Opfer sind Frauen und fast die Hälfte von ihnen – 49,1 Prozent – lebte in einem Haushalt mit ihrem Peiniger. 80,6 Prozent der insgesamt 116.043 Tatverdächtigen sind Männer. Die meisten Täter (94,3 Prozent) sind erwachsen und stammen aus der Altersgruppe 30 bis 39 Jahre. Zwei von drei Verdächtigen im vergangenen Jahr hatten einen deutschen Pass.

Keine Frage der Bildung oder des Geldes

„Sie kommen aus allen sozialen Schichten“, sagt Julia Reinhardt, die stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft „Täterarbeit Häusliche Gewalt“. Menschen mit schlechten Schulabschlüssen und ohne Job sind genauso darunter wie Hochgebildete, Manager, Professoren. „Es hat mit dem Einkommen nichts zu tun“, sagt Reinhardt. Ministerin Giffey weist jedoch darauf hin: Generell sei die Gefahr höher, wenn Alkohol, Geldsorgen und psychische Probleme im Spiel seien. 

Rund 138.000 Fälle wurden im vergangenen Jahr angezeigt. Betroffen seien aber noch viel mehr Menschen, sagt Giffey. Nur jeder Fünfte wende sich überhaupt an die Behörden, viele schwiegen aus Angst – oder aus Scham. Demnach sind die Zahlen der BKA-Statistiker nur die Spitze des Eisbergs. Petra Söchting, Leiterin des bundesweiten Hilfstelefons „Gewalt gegen Frauen“ sagt, viele Frauen , die sich melden, wollen nur reden und hofften, dass es „irgendwie aufhört“.

Die Kontaktzahlen des Hilfetelefons steigen kontinuierlich, so Söchting. Allein vergangenes Jahr waren es 38.000 Anrufe, in 60 Prozent der Fälle ging es um häusliche Gewalt, 40 Prozent der Anrufe kamen in der Zeit von 18 Uhr bis 8 Uhr. Darum sei das Telefon rund um die Uhr besetzt, in 17 Sprachen gibt es Auskunft. Sogar Gebärdendolmetscher sind an Bord.

Wichtig für betroffene Frauen: Ein Anruf beim Hilfetelefon taucht in den Verbindungsnachweisen und auf der Telefonrechnung nicht auf.
Ministerin Giffey verspricht Druck beim Thema Frauenschutz: 6000 Plätze in Frauenhäusern seien bei einem jährlichen Durchlauf von 30.000 Frauen und Kindern nicht genug. „Über den Rechtsanspruch auf Gewaltschutz für Frauen muss geredet werden“, sagt sie. „Dafür brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens. Das wird kein leichter Weg, wir lassen uns aber nicht beirren.“ Zunächst einmal soll ein runder Tisch von Bund, Ländern und Kommunen abgestimmte Gegenmaßnahmen erarbeiten. (rnd, dpa)