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BerlinDer emeritierte israelische Professor Gideon Freudenthal ist Mitunterzeichner eines offenen Briefs an Angela Merkel vom Ende letzten Monats. Darin heißt es, der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein fördere Schmähkritik. Auch in Deutschland werde Kritik an der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik oft vorschnell als antisemitisch gebrandmarkt. Neben Freudenthal unterschrieben den Brief unter anderem auch Aleida und Jan Assmann sowie Micha Brumlik.    

Herr Freudenthal, stellen wir uns eine fiktive Situation vor: Sie sitzen mit Felix Klein im Café. Was würden Sie ihm raten? Wie sollte er sein Amt besser nutzen?

Ich glaube, man muss besser unterscheiden: Es gibt traditionellen Antisemitismus von rechts, den aus faschistischen, rassistischen Kreisen. Der ist quasi ‚unproblematisch‘. Nicht, dass er kein Problem darstellt: Er ist ein brennendes Problem! Aber zu erkennen, wer dazugehört und wer nicht, ist nicht schwer. Der Antisemitismus, mit dem es Probleme gibt, ist der, der sich in der Israelkritik versteckt. Der kommt manchmal aus einer radikal-islamistischen Ecke. Aber davon ausgehend auf jede Kritik an der israelischen Regierung zu schließen, ist eine große Fehlleistung. Ich glaube, die Unterschiede zwischen jemandem, der Israel mit antisemitischen Argumenten attackiert, und jemandem, der die Politik der israelischen Regierung kritisiert, sind sehr klar zu erkennen.

Was genau hat Sie bewogen, den offenen Brief an Angela Merkel zu unterschreiben?

Mich hat zweierlei bewogen. Erstens, dass der Vorwurf des Antisemitismus in jüngsten Jahren auch in Deutschland systematisch genutzt wird, die Kritik der Politik Israels zu unterbinden. Es war nicht das erste Mal, dass ich einen derartigen Aufruf unterzeichnet habe. Und ich werde auch weitere Aufrufe in diesem Sinn unterschreiben, weil ich glaube, dass jedes Maß überschritten wurde. Der zweite, etwas konkretere Anlass ist der Vorwurf an Rainer Bernstein, er sei Antisemit. Ich kenne Rainer Bernstein seit einigen Jahrzehnten. Er vertritt den Standpunkt der Genfer Initiative, die Jossi Beilin ins Leben gerufen hat und von der israelischen Arbeiterbewegung vertreten wurde. Wenn schon diese Position heute als antisemitisch gilt, dann gibt es tatsächlich gar keine Möglichkeit mehr, Kritik an der israelischen Politik zu üben. Rainer Bernstein ist der Letzte, der diesen Vorwurf verdient hat.

Prof. Dr. Gideon Freudenthal

Gideon Freudenthal, geboren 1947 in Jerusalem, ist emeritierter, israelischer Professor für Wissenschaftstheorie und -Geschichte. Zu relevanten Veröffentlichungen gehören etwa: „Atom und Individuum im Zeitalter Newtons“, zur Genese der mechanistischen Philosophie, sowie „Keine Religion ohne Idolatrie“, über Moses Mendelssohn und die jüdische Aufklärung. Freudenthals Muttersprachen sind Hebräisch und Deutsch. In den letzten Jahren tat er sich wiederholt als scharfer Kritiker der Politik der Netanyahu-Regierung hervor und setzte sich in diversen Initiativen gegen die Gleichsetzung von Israelkritik und Antisemitismus ein.

In dem offenen Brief werfen Sie dem deutschen Antisemitismusbeauftragten Felix Klein vor, rechtspopulistische Stimmen in Israel zu unterstützen. Können Sie das erklären?

Die Zusammenarbeit zwischen dem Antisemitismusbeauftragten und Israels Regierung ist vielgestaltig. Nehmen wir das Buch von Arye Shalicar. Shalicar ist ein mittlerer oder hoher Regierungsbeamter, er schreibt dieses Buch, in dem er Rainer Bernstein als Antisemiten denunziert. Und der Bundesbeauftragte in Sachen Antisemitismus unterstützt seine Vortragsreise. Klein stellte sich zwar nicht direkt hinter das Buch, aber es gab doch finanzielle Unterstützung, das ist eine Form von Zusammenarbeit. Hier in Israel sind wir es gewohnt, dass die Regierung den Vorwurf des Antisemitismus nutzt, um Kritik zum Schweigen zu bringen. In jüngsten Jahren ist das sogar offizielle Politik geworden. Es gibt hier einen Minister, zu dessen Aufgaben es gehört, der sogenannten BDS-Politik außerhalb Israels entgegenzuwirken. Herr Shalicar ist also ein Teil einer größeren Entwicklung. Die Sperrung des Bankkontos der Gruppe „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“ geht ebenso darauf zurück.

Das ist eine israelische Gruppe?

Nein, das ist eine Berliner Gruppe israelkritischer Juden, Palästinenser und anderer. Sehen Sie, der Brief, den ich unterschrieben habe, ist noch äußerst gutwillig gegenüber der israelischen Regierung. Er unterstellt zum Beispiel, dass Israel bis 1995, also bis zur Ermordung von Yitzhak Rabin, das Gespräch und den Frieden mit Palästina gesucht hat.

Und das würden Sie anzweifeln?

Ich würde sagen, dass Israel zwischen 1967 und 1995 sehr wenig unternommen hat, um einen unabhängigen Staat entstehen zu lassen. Und seit 1995 dann noch weniger. Inzwischen darf man den israelischen Willen, überhaupt Frieden im Nahen Osten zu erreichen, ernsthaft bezweifeln.

Sie erwähnten das Attentat auf Yitzhak Rabin. In dem Brief steht, eine politische Haltung wie die des Attentäters trage sich heute in die Politik der israelischen Regierung fort. Wie meinen Sie das?

Das Attentat auf Rabin war vermutlich eins der erfolgreichsten politischen Attentate, die je stattgefunden haben. Es hat den Oslo-Prozess, der potenziell zu Frieden hätte führen können, unterbrochen. Der Attentäter hat also wirklich erreicht, was er wollte. Heute erklärt die israelische Regierung, einschließlich „Blau-Weiß“, die ursprünglich die Oppositionspartei zu Netanyahu war, offiziell, dass sie Teile der besetzten Gebiete im Westjordanland annektieren will. Es gibt dazu keinen Widerspruch mehr in der Regierung. Beziehungsweise wenn Widerspruch, dann, was die Verteilungsfrage angeht, nicht die Sache an sich.

Sehen Sie denn gar keine Opposition in Israel? Was ist mit der Meretz-Partei oder mit Avodah oder der Vereinten Liste?

Die sind verschwindend klein. Daher sind diejenigen, die noch immer eine Zwei-Staaten-Lösung wollen, darauf angewiesen, dass das Ausland Druck ausübt. Wir werden an unserer Position ansonsten nicht festhalten können.

Sie wollen, dass auch Europa Druck auf Israel ausübt?

Ja, aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wünsche mir Druck auf die israelische Regierung, nicht auf Israel per se. Die Politik der Regierung muss sich ändern. Das hat mit dem Staat an sich nichts zu tun. Wir stehen alle hinter dem Existenzrecht Israels.

Und wie würde dieser Druck auf die Regierung konkret aussehen?

Israel ist bekanntlich abhängig von der Unterstützung der USA und der EU. Druckmittel könnten verschieden ausgespielt werden, etwa in Form von Koalitionsverträgen, wirtschaftlicher Unterstützung oder militärischer Kooperation. In diesen Bereichen könnte man ansetzen. Es ist ja auch nicht so, dass die deutsche Regierung nicht deutlich zum Ausdruck brächte, dass sie Netanyahus Politik nicht teilt, insbesondere die Pläne, Teile der Westbank zu annektieren. Wenn sie aber andererseits jüdische, deutsche und israelische Kritiker der israelischen Regierungspolitik mit dem pauschalen Vorwurf des Antisemitismus mundtot macht, dann stützt das letztlich Netanyahu.

In dem offenen Brief geht es konkret auch um die Definition von Antisemitismus. Die Arbeitsdefinition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) lautet: „Erscheinungsformen von Antisemitismus können sich auch gegen den Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, richten. Allerdings kann Kritik an Israel, die mit der an anderen Ländern vergleichbar ist, nicht als antisemitisch betrachtet werden.“ Die Bundesregierung, so argumentierte Aleida Assmann, habe diese Erklärung 2017 zwar angenommen, allerdings den letzten Satz gestrichen und dadurch den Diskursraum verengt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich bin mit dieser „Arbeitsdefinition“ vertraut. Ich finde sie verheerend.

Inwiefern?

Weil sie so offen ist, dass man da alle möglichen Dinge unterbringen kann, die mit Antisemitismus nichts zu tun haben.

In Berlin fanden in den letzten Monaten regelmäßig Demonstrationen sogenannter Corona-Leugner statt, die Verschwörungstheorien verbreiten, oft mit Anleihen an antisemitisches Denken. In Halle gab es letztes Jahr einen Terror-Anschlag auf eine Synagoge. Es ist nicht so, als hätte Deutschland kein ernsthaftes Problem mit Antisemitismus.

Dass Deutschland kein Problem mit Antisemitismus hat, hätten Sie von mir aber niemals gehört!

Das heißt, in Ihren Augen gibt es schlicht eine falsche Gewichtung, wem hier Antisemitismus vorgeworfen wird?

Ich finde das Wort „Gewichtung“ viel zu schwach. Das tatsächliche Problem von Antisemitismus wird benutzt, um Kritik an der israelischen Regierung zu unterdrücken.

Sie sprachen Netanyahus Annexionspläne an und das Gegenmodell, die Zwei-Staaten-Lösung. Letztere wird ja schon seit Jahrzehnten diskutiert. Ist sie denn überhaupt noch realistisch?

Es ist sicherlich schwieriger geworden. Aber unter den Lösungsvorschlägen, die im Raum stehen, ist die Zwei-Staaten-Lösung die realistischste. Wird die Zwei-Staaten-Lösung einfach sein? – mit so vielen Siedlern in den besetzten Gebieten? Nein, sicher nicht. Aber welche andere Lösung haben Sie? Es gibt schlicht keine andere.

Sie sind emeritierter Professor für Wissenschaftsgeschichte und -Theorie an der Universität Tel Aviv. In dem offenen Brief wird auf die historische Tradition der Kritik verwiesen – etwa in Form von Gruppen wie Brit Shalom rund um Martin Buber und Gershom Sholem. Wo sind derartige Stimmen in Israel heute zu finden?

Es gibt viele verschiedene Ansätze, diese Art von Tradition fortzusetzen. Eine der konsequentesten Bewegungen sind die Rabbiner für Menschenrechte, die dafür einstehen, dass eine andere Politik praktiziert wird. Auch auf den Demonstrationen in Israel dieser Tage wird wieder starke Kritik an der Regierung laut. Und auch in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts waren Buber und Scholem nur eine Strömung unter vielen. Sie sind nur eben für den deutschsprachigen Raum besonders relevant.