Viele Umgereimtheiten

„Der Fall Gina-Lisa Lohfink führt auf erschreckende Weise vor Augen, wie wenig unser Rechtssystem Frauen schützt, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind“, sagte Friederike Schwebler, frauen- und geschlechterpolitische Sprecherin im Landesvorstand der Berliner Grünen, die auch an der Kundgebung vor dem Amtsgericht teilnimmt.

Doch so eindeutig scheint der Fall nicht zu sein, dass er als klassisches Beispiel für die Schutzlücken im Sexualstrafrecht und als Blaupause für andere Betroffene verwendet werden kann.  Trotz Videos. Trotz Dringlichkeit einer Sexualstrafrechtsreform. Vieles bleibt ungereimt, widersprüchlich.

Elf Videos

Elf Videos existieren aus der Nacht, bestätigt Christian Gerlach, der Verteidiger von Sebastian C., der am Montag nicht im Amtsgericht aussagt.  Insgesamt 15 Minuten Filmmaterial gebe es. Man spiele, man küsse sich, man kokettiere, sagt Gerlach. Lohfinks „Nein“ beziehe sich auf das Filmen. Sie  habe getanzt, gesungen, gelacht. Nichts sei mit Gewalt geschehen.

Lohfinks damalige Managerin Alexandra Sinner, sagt, sie habe Lohfink nach der Nacht der mutmaßlichen Vergewaltigung im Hotel in Köpenick in Empfang genommen. „Sie stieg aus dem Taxi, ich habe sie noch nie so torkeln gesehen.  Ich musste sie stützen, sonst wäre sie umgekippt“, erklärt sie der Richterin Antje Ebner. Apathisch habe sie gewirkt. Das sei ein völlig untypisches Verhalten gewesen. Sinner sei sofort klar gewesen, dass da etwas nicht stimme. Und: „Gina-Lisa hat mich noch nie angelogen. Ich vertraue ihr hundertprozentig.“

Prozess bis Juli vertagt

Als Ebner das besagte Video ohne Ausschluss der Öffentlichkeit ansehen will, springt Lohfinks Rechtsanwalt Christian Simonis erzürnt auf, zieht seine Robe aus und haut mit der Faust auf den Tisch. Lohfink bricht daraufhin in Tränen aus und ruft:  „Die dürfen das alle sehen, dann sehen alle mal, wie  es mir erging.“ Simonis rennt aus dem Saal. Die Verhandlung wird daraufhin unterbrochen und kurze Zeit später ganz beendet. Mitte Juli soll der Prozess weitergehen. Bis dahin muss auch der Befangenheitsantrag geprüft werden, den die  beiden Lohfink-Verteidiger gegen die Richterin gestellt hatten.  „Kein Geld der Welt kann meine Wunden und Narben heilen. Es war schrecklich, wie Pardis mich so rotzfrech angegrinst hat“, sagt Lohfink noch und verlässt mit schwarzer Sonnenbrille das Gericht.

Wird Gina-Lisa Lohfink freigesprochen, kann sie aus dieser Situation nur gestärkt herausgehen. Der Fall würde auch anderen Frauen Mut machen, ihre Peiniger anzuzeigen. Kommt es nicht zum Freispruch, könnte es  für Lohfink schwer werden. Sie stünde als vermeintliche Lügnerin da.  Was  wiederum andere Opfer sexueller Gewalt davon abhalten würde, ihre Vergewaltiger anzuzeigen.