Brüssel - Am Rande des polnischen Kattowice steht in einem schmucklosen Industriepark das energiesparsamste Bürogebäude Kontinentaleuropas. Das Haus hätte ein Hinweisschild verdient. Aber das sucht man vergeblich. Klimaschutz steht in Polen nicht unbedingt oben auf der Agenda. Das zeigt sich nicht nur im schlesischen Katowice. 90 Prozent seiner Energie bezieht das Land aus der Kohle. Der Kampf gegen die Erderwärmung erscheint da als Luxusproblem.

Und so hat Polens neue Regierungschefin Ewa Kopacz ein Ziel, wenn sie am Donnerstag erstmals zu einem EU-Gipfel nach Brüssel reist: ehrgeizige Klimaziele verhindern. Im Jahr 2009 hatten sich die EU-Staaten auf gemeinsame Ziele verständigt. 20-20-20 lautete die griffige Formel. Bis zum Jahr 2020 sollte der Ausstoß an Klimagasen wie Kohlendioxid (bezogen auf das Jahr 1990) um 20 Prozent sinken, der Anteil der Erneuerbaren wie Wind, Wasser oder Biomasse um 20 Prozent steigen und 20 Prozent Energie eingespart werden. Nun stehen die Klimaziele für 2030 an. Aber der Klimaschutz kommt nicht voran. 40-27-30 lauten die Maße, die sich Europa verordnet, also 40 Prozent weniger Kohlendioxid, 27 Prozent mehr Erneuerbare und 30 Prozent Effizienz. Aber vor allem Polen macht gegen die Ziele mobil. Und so wird emsig verhandelt, bei den Unterhändlern in Brüssel.

Merkel, die Ex-Klima-Kanzlerin

„Es gibt ein Paket oder es gibt kein Paket“, hieß es am Mittwoch in deutschen Regierungskreisen. Ansonsten hielt man sich in Berlin zurück. Angela Merkel galt mal als Klimakanzlerin. Aber die Zeiten, in denen sie mit Outdoor-Jacke vor Grönlands Gletschern posierte sind vorbei.

Und so gibt Merkel derzeit eher den Makler. Von einem Deal mit Großbritannien ist die Rede, bis 2030 nur auf 27 Prozent Energie einzusparen. Wer bietet weniger? Der Klimaschutz hat es nicht einfach. Das liegt auch daran, dass Energiepolitik in die Hoheit der Mitgliedstaaten fällt. Frankreich und Großbritannien setzen auf Atomstrom, der Osten Europas auf Kohle und Gas und Deutschland auf die Energiewende. Ein Kompromiss ist da schwer zu finden. Schweden etwa bezieht den größten Teil seines Stroms aus Wasserkraft und Biomasse, Schwedens neuer Regierungschef Stefan Löfven könnte sich daher sogar vorstellen, den Kohlendioxidausstoß bis 2030 um 50 Prozent zu senken. Er ist aber sehr einsam. Vor allem Polens Regierungschefin Ewa Kopacz macht mobil. Sie fordert einen Ausgleich für Klimaanstrengungen.

Ein schmutziger Streit. „Diese Klimaziele sind enttäuschend“, sagte Regine Günther von der Umweltschutzorganisation WWF unserer Zeitung.