Nächste Woche ist der Abiball meiner Tochter. Vor ein paar Tagen sind die Kleider angekommen, die sie sich zur Anprobe bestellt hat, bodenlange, rückenfreie Roben aus glänzendem Stoff in verschiedenen Grüntönen. Gefeiert wird in der Columbiahalle in Kreuzberg. Es wird ein ausladendes Buffet geben, Getränke sind inklusive, wenn man sich für das Goldpaket entschieden hat. Ganz wichtig sind die Fotos, für die an diesem Abend ein professioneller Fotograf zuständig ist. Sie werden strahlende junge Menschen in feierlicher Kleidung zeigen, die Zukunftspläne haben, die auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt sind. Vielleicht berühren mich die Fotos von ukrainischen Abiturienten, die dieser Tage über die sozialen Medien verbreitet werden, deshalb so sehr. Was für eine Zukunft haben sie vor sich?

Abiturfoto in den Ruinen einer Schule in Charkiw

Auch in der Ukraine scheinen Abibälle zu Ereignissen geworden zu sein, für die man sich in Schale wirft, die jungen Frauen tragen Ballkleider, die Männer Anzüge. Doch in der Ukraine ist Krieg. Abiturienten aus der stark zerstörten Stadt Charkiw, nur 30 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt, haben nun trotzdem Abiturfotos gemacht. Eine junge Frau hat sich in ihrem leuchtend roten Ballkleid in die Ruinen ihrer Schule in Charkiw gestellt, die Schule Nummer 134, die schon am 27. Februar, drei Tage nach Kriegsbeginn zerstört worden ist. In dem wunderschönen bodenlangen Kleid steht die Abiturientin auf dem Schutt der Institution, die sie auf ihre Zukunft vorbereiten sollte. Was für ein Kontrast!

Ihre Tante postete das Foto auf Facebook: „Danke, meine liebe Valerie, dass du stark und tapfer bist.“ Vielleicht hatte Valerie das Kleid schon gekauft, bevor der Krieg am 24. Februar ausbrach, vielleicht hat sie es besorgt, obwohl sie wusste, dass wohl kein regulärer Abiball stattfinden wird. Aus dem Bild spricht der Wille, der  Zerstörung etwas entgegenzusetzen.

Ein paar andere Abiturienten, die jungen Frauen sorgfältig geschminkt und in schwarzen Kleidern, die jungen Männer in schwarzer Hose und weißem Hemd, tanzen auf dem Sportplatz derselben Schule. Über ihnen hängt ein Basketballkorb, im Hintergrund sieht man das völlig zerbombte Gebäude. Bewacht wird die Szene von bewaffneten Soldaten. Mütter und Väter machen Aufnahmen mit ihren Handys. Charkiw, bis zur großflächigen Invasion durch Russland die zweitgrößte Stadt der Ukraine, wird weiterhin mit russischen Bomben und Raketen beschossen.

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Ukrainische Abiturienten posieren in Charkiw auf einem zerstörten Panzer.

Ein paar andere Abiturienten posieren auf einem zerstörten Panzer, der bei den Kämpfen in der Stadt zerstört wurde. Sie tragen die Schärpen, die darauf hinweisen, dass sie ihr Abitur gerade bestanden haben. Auch diese Aufnahme stammt aus Charkiw, und auch hier frappiert der Gegensatz zwischen Zukunftshoffnung, wie die jungen Leute sie verkörpern, und dem zerstörten Kriegsgerät.

Ukrainischer Botschafter Andrij Melnyk mahnt zu Waffenlieferungen

Auch Andrij Melnyk, der ukrainische Botschafter in Deutschland, hat ein Bild von ukrainischen Abiturienten auf Twitter gepostet. Sie stehen in verschiedenen Stockwerken der Ruinen eines ausgebombten Gebäudes in Tschernihiw. Melnyk verbindet das Bild mit der Forderung nach der Lieferung schwerer Waffen. „So dystopisch sieht ein Abiball in der Ukraine aus. Stadt Tschernihiw im Norden. Und die Ampel-Regierung blockiert weiterhin schwere Waffen, vor allem Marder-Schützenpanzer und Leopard-1-Panzer, um nicht zu ‚eskalieren‘.“

Laut Unicef sind Hunderte von Schulen in der Ukraine zerstört worden, nachdem nach Corona gerade erst wieder Normalität in den Schulalltag eingekehrt war. „Stattdessen sind Hunderte von Kindern getötet worden, und das Schuljahr endet damit, dass Schulen geschlossen oder zerstört sind oder dass sie zu Kriegszwecken als Lager oder ähnliches genutzt werden“, sagte Murat Sahin, der Unicef-Repräsentant für die Ukraine. Hier steht die Zukunft des Landes auf dem Spiel.