Ich weiß noch, wie damals der Kollege bei der Mitteldeutschen Zeitung beerdigt wurde – in Wittenberg, wo ich Lokalredakteur war. Der herzenswarme Fußballfan war früh gestorben, an Krebs glaube ich. Und nun standen wir im Eingang der überfüllten Dorfkirche, und es erklang das „We are the champions“ von Queen. Nicht dass ich etwas gegen das Lied gehabt hätte. Doch in diesem Augenblick schien es mir so trostlos wie irgendwas. Denn statt über das Leben hinaus zu weisen, war es diesem Leben entnommen. Der Tod war nicht eingebettet in eine transzendente, gar christliche Erzählung. Er blieb profan. Erde statt Himmel. So ist es immer öfter. In Ost und West.

Seinerzeit in Sachsen-Anhalt hatte ich einen heftigen Anfall von Heimweh nach früher, nach zu Hause, nach dem einst gottesfürchtigen Münsterland. So wollte ich nicht beerdigt werden. Dabei hatte mich genau das eher gottesferne Sachsen-Anhalt dem gottesfürchtigen Münsterland wieder näher gebracht. Man nennt das wohl Dialektik.

Dominanter Katholizismus

In den 60er und 70er Jahren war der Katholizismus zwischen Münster und der holländischen Grenze noch leidlich dominant. Wer nicht in die Kirche ging, fiel mehr auf als der, der es tat. Evangelische musste man mit der Lupe suchen. Dass die maßgeblichen Lebensstationen religiös eingebettet wurden, war selbstverständlich. Gemischt-konfessionelle Ehen stießen auf wenig, um nicht zu sagen gar keine Akzeptanz. Und Predigten hatten manchmal den Charakter von Beschimpfungen jener, die sich ihnen nicht mehr aussetzen wollten und den Gottesdiensten fern blieben – so dass paradoxerweise jene beschimpft wurden, die noch kamen.

Der Katholizismus war gepaart mit einer gewissen Herrschaft. So dominierte er als Arbeitgeber den sozialen Sektor, Krankenhäuser und Altenheime. Und er war verbunden mit der Christlich Demokratischen Union, während es so etwas wie Linkskatholiken eigentlich nicht geben konnte. Zuweilen – etwa wenn es um die Besetzung offener Stellen ging – machte er von seiner Macht Gebrauch. Das alles ließ die Pfarrer nicht unbedingt glücklich werden. Einer von ihnen fand sich immer wieder bei uns auf dem Sofa ein, ein Gläschen trinkend, oder auch zwei. Ein anderer, der bei uns ebenfalls ein- und ausging, war kauzig geworden vom Alleinsein. Der Zwang zum Zölibat machte sie einsam.

Als Jugendlicher war mein Verhältnis zu all dem ambivalent. Einerseits war ich emotional tief verwurzelt in dem, was den Katholizismus kennzeichnet – der Stille in den Gottesdiensten, dem Weihrauch, der Abfolge der Feiertage, von denen Karfreitag stets der eindrücklichste war, da das Leben komplett zur Ruhe kam. Ein trauriges Glück. Nicht zu vergessen: der Dualismus von Schuld und Unschuld. Auch mag ich das Gefühl existenzieller Gleichheit und Gemeinschaft auf harten Kirchenbänken, das im Beruf und auch sonst zunehmend von dem Prinzip verdrängt wird: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. An Fronleichnam fand regelmäßig eine Prozession in einen Wallfahrtsort statt, der vielleicht 20 Kilometer entfernt lag. Los ging’s im Morgengrauen auf dem Kirchplatz und dann zu Fuß über Wald und Feld. Die Prozession ist Teil meiner Seelenlandschaft.

Andererseits war die intellektuelle Enge manchmal nicht auszuhalten. Als ich mir mit einem besonders religiösen Freund meines Vaters mal wieder eine politische Debatte lieferte, diesmal über das Thema Atomenergie, und zu dem Zweck ein Buch hervorholte, das meine Position zu stützen schien, da nahm dieser Freund das Buch zur Hand, blätterte darin herum und stieß darauf, dass die Autorin zuvor ein Buch über lesbische Liebe geschrieben hatte. Dies reichte Ende der 70er Jahre aus, um einen Teenager argumentativ wehrlos und die Frau samt ihrer Positionen unmöglich zu machen. Darüber war keine Debatte mehr möglich.

Überhaupt meine ich, dass man vom Glauben wie von allem anderen auch zu viel haben kann.