Bischof Christian Stäblein bei der Aufzeichnung eines Gottesdienstes in der Marienkirche am Alexanderplatz.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

BerlinCorona prägt unser Leben erst seit wenigen Wochen, und doch machen die Veränderungen einen umfassenden Eindruck. Dabei sind nur einzelne Aspekte unseres Lebens betroffen. Wir haben ja zu essen und ein Dach über dem Kopf. Viele von uns arbeiten auch nach wie vor, manche mehr als früher. Aber andere dürfen das jetzt gerade nicht. Manches wirkt so harmlos: Wir betreuen und erziehen unsere Kinder, sprechen mit unseren Eltern, wenn auch auf anderen Wegen als zuvor. Wir gehen einkaufen, in den Park, in den Wald oder den Garten und pflanzen dort ein paar Blumen und Kartoffeln. Und trotzdem fühlt sich alles ganz verändert an.

Irgendwie schaffen wir das schon. Mit diesem Gedanken stehen wir morgens auf, verbringen den Tag und gehen abends ins Bett. Irgendwie schon, aber wie?

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Die Mutter ruft an, sie geht auf die achtzig zu, gestern klang sie ganz zuversichtlich. Sie weiß alles über Corona – mehr als man selbst jedenfalls. Sie saugt alle Nachrichten in sich auf, die sie bekommen kann. Das ist ihre Art, mit Bedrohungen umzugehen. Sie hält nichts von Verdrängung. Die Mutter sieht Nachrichten im Fernsehen, oft stundenlang. Sie näht auch Schutzmasken und rüstet sich für den nächsten Gang zum Supermarkt. Gestern wirkte sie unglaublich widerständig. Heute macht sie einen eher geschwächten Eindruck. Der Mann einer Freundin ist gestorben. Jetzt kann keiner zur Beerdigung. „Ist das nicht schrecklich“, fragt sie, aber es klingt wie eine Feststellung. Und man fühlt ihn dann auch, den Schrecken, den sie fühlt.

Die Bundesländer geben die Regeln vor. In unserer Region dürfen maximal zehn Personen an Trauerfeiern teilnehmen, in Sachsen sind es 15, in Niedersachsen darf nur der engste Familienkreis kommen. Nach Möglichkeit soll alles unter freiem Himmel stattfinden. Abseits von Trauerfeiern sind Brandenburger Friedhöfe vorläufig geschlossen.

Gottesdienst: Eine verbotene Veranstaltung

Das gewohnte kirchliche Leben liegt brach. Das ist bei den christlichen Kirchen nicht anders als in muslimischen und jüdischen Gemeinden. Die Kirchen, Synagogen, Moscheen sind geschlossen, manche haben für ein stilles Gebet geöffnet. Gottesdienste gehören jetzt zu den verbotenen Veranstaltungen. Sie werden nicht mehr gemeinsam gefeiert. Das ist schwer für Menschen, denen ihr Glaube sehr viel bedeutet, die darin ihr wichtigstes Kraftfeld finden, um mit dem Leben und seinen Herausforderungen umgehen zu können. Denn Glaube ist, so wie er in unserer Region praktiziert wird, ein Gemeinschaftserlebnis. Der muslimische Glaube erhebt das gemeinsame Gebet zur Pflicht.

Es gibt jetzt Fernsehgottesdienste. Man kann per Telefonkonferenz an Gottesdiensten teilnehmen, im Videostream dabei sein. Speziell die christlichen Kirchen mit ihrer Vielzahl von Gläubigen haben sich eine Menge einfallen lassen, um die Leere zu füllen und mit den Einschränkungen umzugehen. Jugendliche erstellen regelmäßig einen Podcast. Der evangelische Landesbischof Christian Stäblein ruft zum gemeinsamen Gebet auf. Jeden Mittag um 12 Uhr wird das Mittagsgebet aufgenommen und auf der Homepage der Landeskirche, bei Facebook und Radio Paradiso abgespielt.

Ostern als virtuelle Angelegenheit

Auch zu Ostern wird so sein. Das höchste christliche Fest, jenes Fest, dem im christlichen Glauben deutlich mehr Bedeutung zukommt als in anderen Religionen, weil die biblische Ostergeschichte den Kern der Religion definiert, wird zu einer virtuellen Angelegenheit. Der Karfreitagsgottesdienst ist als Telefonkonferenz angekündigt, der Ostersonntag als Video-Meeting. Jeder für sich und irgendwie dann doch gemeinsam. Es gibt einzelne, kleinste Osterfeuer, an denen unter Wahrung der Abstandsregeln Osterkerzen entzündet werden dürfen.

Der hessische Pfarrer Stephan Krebs hat in diesen Tagen einige interessante theologische Überlegungen zum Coronavirus auf der Internetseite seiner Gemeinde veröffentlicht. Er spricht aus christlicher Perspektive, aber seine Gedanken sind übertragbar. Er fragt, was es heißt, wenn die Welt aus den Fugen gerät, so wie gerade. Wenn bedeutsame Pläne in sich zusammen fallen. Man lang geplante Reisen nicht machen kann.

Alle Konfirmationen abgesagt

Manches wie das Händeschütteln könne man sich einfach abtrainieren, so Krebs, anderes ist verloren. Niemand außerhalb des engsten Familienkreises kann zu einer Hochzeit kommen, zur Konfirmation, zur Beerdigung. Hochzeits- und Konfirmationsfeiern lassen sich verschieben oder nachholen. Die evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg hat für diese Saison erstmal alle Konfirmationen abgesagt. Bei Beerdigungen geht das nicht. Allenfalls eine nachträgliche Trauerfeier kann es später einmal geben. Ob sie dann noch einen Sinn hat und Trost gibt, ist fraglich. Die Trauer kann darauf ja nicht warten, sie beginnt mit dem Tod.

Krebs macht sich Gedanken über die Vereinsamung. Vereinzelung sei verordnet, schreibt er, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Kirche wirke aber als Gemeinschaft der Gläubigen und mit Gott. Letzteres bleibt immerhin, auch wenn es sich vielleicht einsam anfühlt. Die Gemeinschaft muss man schützen, indem man sich ihr entzieht.

Kontrollverlust ist ein großes Thema

Ein Gefühl von Feindschaft hat der Theologe ausgemacht. Menschen beäugten sich misstrauisch, weil sie einander anstecken können. Länder schlössen ihre Grenzen, weil sie hofften, dadurch die Verbreitung abzuschwächen. Gleichzeitig mache das Virus aus uns aber eine globale Schicksalsgemeinschaft. Ein paar Menschen stecken sich am anderen Ende der Welt bei wildlebenden Tieren an und bei uns kommt die Wirtschaft zum Stillstand. Ein treffenderes Bild für Globalisierung könne man kaum finden.

Kontrollverlust ist ein Thema dieser Krise. Das Leben ist beileibe nicht so sicher, wie es sonst immer scheint. Das ist eine Erfahrung, die man erstmal verarbeiten muss. Alles, was wir kennen, gerät durcheinander. So müssten sich die Menschen früher gefühlt haben, sagt der Theologe. Dagegen wiegen wir uns normalerweise in der Illusion, alles im Griff zu haben. Alles schien planbar, dann kam Corona. Krebs fragt sich, ob die Frage nach Gott nun existenzieller geworden ist. „So Gott will“ als ein Eingeständnis einer Einschränkung aller Pläne sieht er als treffende Umschreibung der eingeschränkten menschlichen Möglichkeiten, die Dinge nachhaltig zu beeinflussen.

Am Ende bleibt viel Sinnverlust

Solidarität ist in dieser Krise oft beschworen worden. Zum Glück haben wir das Internet, sodass wir in Videokonferenzen einen Ersatz schaffen können für notwendige Besprechungen bei der Arbeit. In Familien-Chats können wir ein bisschen Nähe erzeugen mit den Mitgliedern der Großfamilie. Es geht ja. Selbst die alte Mutter kann einen Computer bedienen. Wir unterhalten uns über Skype. So können wir uns zwar nicht anfassen, aber doch sehen. Es macht schon einen Unterschied. Um unsere Wirtschaft notdürftig weiter zu betreiben, haben wir das Homeoffice. Wir machen die Erfahrung, dass der Körper gleichzeitig bedroht und bedrohlich ist, und gehen dann doch ans Werk, Verantwortung für andere, für Ältere zu übernehmen. Wir sind hilfsbereit, wenn wir einkaufen für Menschen in Quarantäne.

Und doch bleibt am Ende viel Sinnverlust. Wer nicht arbeitet, fühlt sich schnell nutzlos. Absage sei das Wort dieser Tage, befindet der Theologe Krebs.

Seit den Menschen die Ernsthaftigkeit bewusst geworden ist, ist eine große Gemeinschaftsfähigkeit zu beobachten. Das finde ich sehr beeindruckend.

Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Der evangelische Landesbischof Christian Stäblein wirkt gefasst, wenn man ihn dieser Tage digital kontaktiert, um etwas über seine Gedanken zu Corona zu erfahren. Auch Stäbleins Tag hat sich unter Corona verändert. Begegnungen sind zu Video-Konferenzen geworden, manchmal mit vielen Teilnehmern, manchmal nur mit einem Gegenüber. Zwischendurch schreibt er Andachtstexte. Jeden Tag um zwölf lädt er Gläubige zum gemeinsamen Gebet ein. Stäblein nimmt das Gebet mit dem Handy auf und verschickt die Audiodatei anschließend an Radio Paradiso, wo das Gebet gesendet wird und lädt es bei Facebook hoch. Einmal ist er mit der Technik nicht schnell genug fertig geworden. Nur wenige Augenblicke war er zu spät, aber es hätten sich sofort Menschen beschwert. Offenbar gibt es regelmäßige Zuhörer, die das Gebet mitsprechen, und zwar genau um zwölf. Und so ist es ja auch gedacht: Zu einem festen Zeitpunkt will sich Stäblein mit den Menschen verbinden.

Glauben hat eben etwas mit Gemeinschaft zu tun. Ein Miteinander ist wesentlich. „Gleichzeitig ist das Beten aber auch die urtümlichste Form, sich mit anderen zu verbinden, beziehungsweise mit Gott, und zwar über physische Entfernungen hinweg“, sagt Stäblein. Und trotzdem ist es etwas anderes. Man spürt die Distanz zu anderen stärker. So wie die Videokonferenz nur ein schaler Ersatz für jedes persönliche Gespräch ist. „Allerdings hat das Gebet immer schon diesen Aspekt gehabt, Verbindung aufzunehmen, mit jemandem, der nur in einer anderen Form da ist. Die geistliche Verbindung ist eine andere als eine rein physische. Die spirituelle Verbindung wird eher gestärkt dadurch, dass wir für eine Weile auf reale Anwesenheit verzichten“, sagt Stäblein. Schönreden will er die Dinge nicht. Menschen erkranken eben auch an Covid-19 und sterben.

Wenn Christian Stäblein gefragt wird, was diese Krise zutage fördert, fällt ihm als erstes etwas Positives ein. „Es gibt eine hohe Einsichtsfähigkeit in die Dinge, die notwendig sind. Wir erleben ganz wenig Trotz und Aufbegehren. Die Corona-Partys sind verschwunden. Seit den Menschen die Ernsthaftigkeit bewusst geworden ist, ist eine große Gemeinschaftsfähigkeit zu beobachten. Das finde ich sehr beeindruckend. Viele Menschen haben Ängste, nicht nur um Angehörige, auch um ihren Arbeitsplatz, um das wirtschaftliche Überleben. Viele Schüler müssen damit leben, dass sie ein ganz anderes Abitur erleben. Das sind alles Dinge, die einem nah kommen und Angst machen. Und trotzdem gibt es nur wenige Fälle von Aggressionen und des Aufbegehrens. Es gibt einen starken Zusammenhalt“, sagt Stäblein. Er hatte das so nicht erwartet.

Was ihm noch auffällt, ist, dass einem erst durch die Krise klar wird, in welcher Atemlosigkeit das Leben normalerweise stattfindet. Wie eng doch alles gestrickt ist, wie viele Unternehmen bis hin zu Fußballclubs sofort in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, wenn ein paar Monate nicht alles reibungslos abläuft wie bisher. „Wenn man jetzt auf die Solidaritätspakte und Rettungsschirme guckt, zeigt uns die Krise aber etwas Gutes. Am Ende, vor allem Wettbewerb steht, dass wir nur gemeinsam überleben können“, sagt Stäblein. Am Beispiel der Profifußballclubs werde das deutlich. Wenn sie sich jetzt nicht gegenseitig helfen, würden am Ende vielleicht fünf übrig bleiben. Die hätten dann allerdings davon auch nichts.

Umkehr kultureller Erfahrungen

Es gibt allerdings auch Aspekte, die ratlos machen. Als einzelne Entscheidung mag es vollkommen in Ordnung gewesen sein, die Mutter im fortgeschrittenen Alter zum Geburtstag in diesem Jahr nicht zu besuchen. Jetzt, da sich abzeichnet, dass wir dem Virus wohl noch eine ganze Weile nur mit Kontaktsperren aus dem Wege gehen können, bedeutet das vielleicht, sich monatelang oder länger nicht zu sehen und die alten Leute ihrer Einsamkeit zu überlassen. Vergleiche zu Kriegszeiten hält Stäblein für schwierig. „Was Zeitspannen angeht, sich ein halbes oder dreiviertel Jahr nicht zu sehen, sind aber doch Erfahrungen, die bisher nur Menschen in Kriegszeiten gemacht haben. Das ist für uns, die wir es gewohnt sind, dass räumliche Entfernungen kein Hindernis sind und jederzeit überbrückt werden können, auch die Umkehr kultureller Erfahrungen.“

Das Unabsehbare macht Angst. Und da könne Glaube ein Trost sein, sagt Christian Stäblein. Allerdings gehe es jetzt ja nicht um eine unabsehbare Zeit. Spätestens in einem Jahr, davon gehen Wissenschaftler jedenfalls aus, werde ja wohl ein Impfstoff gefunden sein. Interessanter findet Stäblein deshalb die Frage, was nach Corona übrig bleiben wird. Das werde unter anderem die Erfahrung sein, dass so etwas wie eine Pandemie möglich ist und sich wiederholen könnte.

Am Anfang der Einschränkungen aller Kontakte stand ein Satz des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet: „Es geht um Leben und Tod.“ Genau darum gehe es in unserem Leben überhaupt, sagt Stäblein. Um diesen Punkt dreht sich auch das Osterfest. Ein Trost sei Glaube, weil er in der Zusicherung bestehe, dass Gott die Menschen noch im Tod auffängt, sagt Stäblein. Darüber will er Ostern sprechen.