Berlin - Als meine Mutter 1977 nach Baden-Württemberg kam, fühlte sie sich, als wäre sie auf einem fremden Planeten gelandet. Sie hatte gerade ihr Studium in ihrer Heimat beendet, sich in einen Deutschen verliebt und einen Vollzeitjob in Deutschland. Bekam ein Kind, blieb ein paar Monate zu Hause, arbeitete weiter. So kannte sie das aus ihrer Heimat Finnland. Aber die Menschen um sie herum kannten das nicht. Während meine Mutter arbeitete, waren die Frauen um sie herum beim Kaffeekranz oder auf dem Tennisplatz und nannten sie Rabenmutter. Das Wort kannte sie bis dahin nicht. Immerhin musste sie sich bei meinem Vater keine Arbeitserlaubnis einholen – Frauen in Westdeutschland sollten bis 1977 nur berufstätig sein, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war.

Seither sind mehr als 40 Jahre vergangen. Aber auch wenn sich in Deutschland viel verändert hat – in Sachen Gleichberechtigung dürfte der Abstand zu Finnland immer noch gleich groß sein. Wie groß, konnte man im Dezember 2019 gut sehen: Eine 34-jährige Frau mit einem zweijährigen Kind wurde Regierungschefin einer Mitte-links-Koalition aus fünf Parteien, alle angeführt von Frauen unter 35. Die deutschen Nachrichten berichteten, als ginge es um eine Weltsensation. In Finnland war die Berichterstattung nüchterner. Man hatte eben eine neue Regierungschefin.

Gut, die haben wir in Deutschland auch, seit 16 Jahren sogar, und wir haben eine ganze Reihe von Ministerinnen. Aber von so einer Frauennormalität sind wir noch weit entfernt. Nicht einmal ein Drittel der Parlamentssitze werden von Frauen belegt. Frauen und Männer sind oft nicht gleichberechtigt, nicht in der Politik, nicht in der Wirtschaft, nicht in der Gesellschaft. Was machen die Finnen anders? Und was können wir von ihnen lernen, damit wir in zehn Jahren aufgeholt haben?

In Finnland hat Gleichberechtigung Tradition. Schon ab 1868 konnten finnische Frauen über ihr Eigentum selbst verfügen, 90 Jahre vor Deutschland. 1906 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt, als erstes europäisches Land und drittes weltweit. 1907 zogen 19 Frauen in das erste Parlament. 1926 war Miina Sillanpää die erste Ministerin – 35 Jahre bevor in Deutschland eine Frau Bundesministerin wurde. Und Frauen durften schon im 19. Jahrhundert nur heiraten, wenn sie die Bibel lesen konnten. Der Nebeneffekt, ihre Bildung, wies den Frauen den Weg. Auch der weitverbreitete Protestantismus und sein Arbeitsethos halfen – alle müssen fleißig sein.

Kommune organisiert Kitaplatz

Den finnischen Frauen nützte auch, dass sie in einem Agrarstaat lebten, noch 1945 waren drei Viertel der Bevölkerung Bauern. Und so wie in der DDR die Frauen in der Produktion gebraucht wurden, mussten im relativ armen Finnland auch die Frauen Geld verdienen, egal ob als Bäuerin, Fischersfrau oder Arbeiterin. Auch heute kann es sich bei den hohen Preisen kaum jemand leisten, nicht zu arbeiten. Aber die Finninnen hatten auch das Glück, dass es nie ein bedeutendes Bildungsbürgertum gab oder eine bürgerliche Mittelschicht, in der die Frauen in die klassische Rolle „Kinder, Küche, Kirche“ abgedrängt wurden.

Also kommt meine Mutter aus einer Gesellschaft, in der klar ist, Frauen können genauso viel wie die Männer. Anders in Deutschland. Darüber kann nicht nur meine Mutter berichten, sondern auch Laura Hirvi, die mit 34 Jahren Leiterin des Finnland-Instituts wurde. Als sie 2015 hierher zog, fragte sie Freunde, wo denn die zentrale Stelle sei, bei der sie wegen eines Kitaplatzes anrufen könnte. Ihre Freunde lachten. Laura Hirvi hatte als Studentin ihr erstes Kind bekommen und als sie promovierte, organisierte die Kommune ihr den Kitaplatz. Standard in Finnland. 

Außerdem gibt es überall im Land 24-Stunden-Kitas, und alle Frauen, die ich in Finnland kenne, arbeiteten oder arbeiten voll. Meine Mutter, meine Tante, Freundinnen. Das haben sie aber nicht nur ihrer eigenen Kraft, sondern auch dem System und den Gesetzen zu verdanken. Die Gesellschaft richtet sich nach den Frauen. In Deutschland muss Laura Hirvi oft erklären, dass sie nicht die Praktikantin, sondern die Chefin ist. Ihre Tochter wurde einmal bei einem Elterngespräch von der Lehrerin gefragt: „Deine Eltern arbeiten so viel, bist du nicht oft allein?“ Die Tochter antwortete: „Nein, dann haben wir einen Babysitter.“ Die Lehrerin fragte weiter: „Aber deine Eltern sind schon viel unterwegs?“ Hirvi und ihr Mann verstanden die Welt nicht mehr.

Foto:  imago/Lehtikuva
Sanna Marins Kabinett im Mai 2020: Bildungsministerin Li Andersson, die damalige Finanzministerin Katri Kulmuni, Premierministerin Sanna Marin, Innenministerin Maria Ohisalo und Justizministerin Anna-Maja Henriksson.

Schulen seit Jahrzehnten digitalisiert

In Finnland hat es nie so einen Mutterkult gegeben, in vielen Familien haben die Frauen das Sagen. Dafür müssten die Frauen aber auch Kompromisse machen, findet Laura Hirvi. Einen Kuchen für die Kita kann man kaufen. Ein Kindergeburtstag kann auch mal bei McDonalds stattfinden, man kann sich ohne schlechtes Gewissen einen Babysitter holen oder die größeren Kinder auch mal allein zu Hause lassen. Meine finnische Freundin hat mir früh ihren Säugling in den Arm gedrückt, um einen halben Tag Ruhe zu haben. Meine Mutter hat mich mit vier Jahren allein ins Flugzeug nach Finnland zur Oma gesetzt, nach der Schule war ich oft stundenlang allein. Und habe es geliebt, bei meinen Büchern zu sein.

Seit ich Homeschooling mit meinem siebenjährigen Patenkind mache, frage ich mich, warum nicht alle deutschen Eltern seit Monaten vor dem Kanzleramt demonstrieren. Dass Eltern Lehrer sein sollen – auf so eine Idee würde in Finnland kein Mensch kommen. Um die Bildung kümmert sich die Schule.

Auch im Lockdown fängt die Schule morgens um neun mit einem Videochat mit den Lehrern an, die über Internetplattformen Aufgaben, Videos, Zeichnungen verschicken. Später schicken die Schüler die Aufgaben wieder zurück, die Lehrer bewerten sie. Wenn ein Kind keine Aufgaben abliefert oder abtaucht, werden die Eltern kontaktiert und manchmal auch die Schulsozialarbeiter eingeschaltet. Am Anfang der Pandemie stellten Verlage gratis alle Lernbücher und Unterrichtsmaterialien ins Netz.

Das alles funktioniert, weil es eine flächendeckende Internetverbindung gibt, weil alle Haushalte und Schulen mit Geräten ausgestattet sind. Schüler, die keinen eigenen Laptop haben, können ihn sich von der Schule leihen, so wie der Staat auch sonst die Digitalisierung der Schulen fördert.

Dass sich Deutschland in der Pandemie derweil eher Richtung Vergangenheit bewegt, zeigt eine neue Studie der Böckler-Stiftung zu Corona und Gleichstellung: Obwohl Homeoffice und kürzere Arbeitszeiten bei Männern eine gerechtere Aufteilung der Kinderbetreuung bedeuten können, mussten die Autorinnen feststellen, dass „die Frauen in den meisten Fällen den Löwenanteil der Sorgearbeit“ übernehmen und eher ihre Arbeitszeit verkürzen. „Deutschland ist immer noch ein sehr traditionelles Land“, sagt Projektleiterin Yvonne Lott.

Die Gleichberechtigung fängt beim Nutellabrot an

Corona bringt bekanntlich vieles zum Vorschein und verstärkt, was vorher schon da war. Die Ungleichberechtigung in Deutschland, die Gleichberechtigung in Finnland. Man kann den Unterschied auch mit einem Nutellabrot erklären, mit der „verdammten Brotbox“, sagt Laura Hirvi. In Deutschland diskutieren Eltern über das Pausenbrot, Äpfel oder süße Brote. Finnische Kinder essen alle dasselbe: die kostenlosen Mahlzeiten in der Schule. Und ebenso stellen die Schulen Bücher, Hefte, Stifte zur Verfügung.

Und diese Gleichheit setzt sich später fort. Anne Sipiläinen ist finnische Botschafterin in Berlin. Sie sagt: „Es gibt nicht die patriarchalen Strukturen wie in Deutschland, wo die Karriere auch von Terminen in den Abendstunden abhängig ist.“ „Männerseilschaften“ und „Hinterzimmerpolitik“ begegneten ihr erst in Deutschland: „Das geht in Finnland nicht durch, dafür ist unsere Gesellschaft zu gleichberechtigt.“

In Finnland schreibt man Alter oder Geschlecht nicht mehr unbedingt in den Lebenslauf, auch nicht, ob man Kinder hat. Es gibt transparente Auswahlverfahren und eine Frauenquote von 40 Prozent im öffentlichen Dienst, bei privaten Unternehmen nur die Verpflichtung, Gleichstellung zu fördern. Trotzdem sind 30 Prozent der Vorstandsmitglieder in den börsennotierten Unternehmen Frauen. „Es geht eben um Kompetenz“, sagt Sipiläinen.

Womöglich hat das auch damit zu tun, dass die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern mit einer Wertschätzung zu tun hat, die sich auch sonst in der Gesellschaft zeigt. Zum Beispiel an flachen Hierarchien: Man siezt sich in Finnland selten, auch die Oberärztin oder der Anwalt werden oft geduzt. 

Dass soziale Klasse oder Geschlecht nicht so stark im Vordergrund stehen wie in Deutschland, dafür ist Sanna Marin ein gutes Beispiel. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, ist die Tochter einer lange alleinerziehenden und mittellosen Mutter, sei aber in guten Schulen mit motivierenden Lehrern gewesen. Auch die Botschafterin Sipiläinen kommt aus einfachsten Verhältnissen auf dem Land. „In Deutschland hätte ich so eine Karriere nicht machen können“, glaubt sie.

Besteht Hoffnung, dass sich in Deutschland etwas ändert?

Die Projektleiterin der Böckler-Studie sagt: „Wenn der betriebliche Rahmen stimmt und Männer wegen Sorgearbeit wie jetzt im Homeoffice nicht stigmatisiert werden, dann ist mehr Gleichberechtigung möglich.“ Immerhin knapp zwölf Prozent der Befragten hätten sich die Haus- und Betreuungsarbeit gerechter aufgeteilt und bei fünf Prozent übernimmt der Mann die hauptsächliche Kinderbetreuung. Nicht viel, aber ein Hoffnungsschimmer.

Solche Zeichen hält Botschafterin Sipiläinen für wichtiger als Sprachregelungen. Sie spricht vom „Sprachwahn“ und sagt, dass „all die Gendersternchen strukturelle Probleme doch nur verdecken“. Dabei haben die Finnen den Vorteil, dass es für „sie“ und „er“ nur das eine Wort „hän“ gibt. Weshalb viele Finnen „er“ und „sie“ auch gern mal verwechseln. „Das ist nicht Teil unseres Denkens“, sagt Sipiläinen. Deshalb würde sie sich auch als Botschafter, nicht als Botschafterin bezeichnen. Die Juristin in Finnland heißt direkt übersetzt „Gesetzesmann“, die Parlamentssprecherin ist der „Sprechermann“. Diese Wörter will man jetzt neutralisieren, vor allem aber anderes verbessern, zum Beispiel die Elternzeit nicht nur für klassische Mutter-Vater-Kind-Familien angleichen. Und Frauen verdienen immer noch 16 Prozent weniger als Männer. Sie sind in mathematisch-technischen Studiengängen und Berufen in der Minderheit, es gibt oft eine klare Trennung von „Frauenjobs“ und „Männerjobs“.

Und Deutschland? Laura Hirvi bewirbt sich für eine neue Stelle, weil ihre Zeit am Finnlandinstitut bald vorbei ist. Dabei wird sie als Erstes oft gefragt, wie alt sie sei. Und als Zweites, wie sie den Job denn bitte schön mit den Kindern vereinbaren wolle.

Zum Thema #Gleichberechtigung laden die Nordischen Botschaften am 9.3., 11–12 Uhr zur Twitter-Diskussion #NordicTownHall